Pein und Peinlichkeit

- "Öff, öff, öff" bellt Beaumarchais ins Publikum - die "öffentliche Beschimpfung" seiner Schwester will er rächen. Im Moment hat er Clavigo dermaßen unter Druck gesetzt, dass der eine ebenfalls öffentliche Ehrenerklärung für das Mädchen Marie schreiben wird. Es gab weder Paparazzi noch Klatschblätter wie heute, und doch war die Öffentlichkeit damals, im 18. Jahrhundert, als der junge Goethe seinen "Clavigo" schrieb, viel gefährlicher.

<P> Das Trauerspiel hatte am Freitagabend als Produktion des Bayerischen Staatsschauspiels Premiere. Wen die Gesellschaft verstieß, war tatsächlich in seiner Existenz bedroht. Diese Öffentlichkeit belauert und kontrolliert alles, auch das Intimste, die Familie, die Gefühle, die Liebe. Deswegen passt die Bühne im Münchner Theater im Haus der Kunst perfekt zu diesem Kammerspiel im kalten Überwachungsraum des Sozialsystems. Silvia Merlo und Ulf Stengl haben einen Steg zwischen zwei aufsteigenden Zuschauertribünen gesetzt, auf dem die Schauspieler und der sie begleitende Musiker Jens Thomas allen Blicken ausgeliefert sind. Das Konzept verwässern nur die Gazewände, die wohl die Funktion haben, dass sich die Theaterbesucher nicht gegenseitig anblicken und darüber das Spiel vergessen. </P><P>Die authentische Geschichte von Marie Beaumarchais lädt der Goethe des "Werther" auf mit all den Exaltationen, die damals Mode waren. Sein Stück wurde denn auch sofort, im Entstehungsjahr 1774, uraufgeführt. Eine gewaltige Herausforderung also für jeden Regisseur in Zeiten, in denen Coolsein alles gilt. Zunächst gelingt dieser Akt des Heranholens jener sentimentalischen Entäußerung ans Heute sehr gut. Elmar Goerden und seine Schauspieler drücken sich nicht vor der Leidenschaft, nehmen sie ernst und menschlich würdig. </P><P>Kleine Brechungen, ohne Klamauk, sind erfrischende Ironie-Wohltat: etwa die zerknüllten Papiertaschentücher auf dem Bühnenband - schließlich wird tüchtig geweint und geschneuzt in dem Stück. Aber schon die ständige Anwesenheit von Jens Thomas belegt, dass sich Goerden nicht sicher war, ob die Darsteller all die Erregungszustände auf uns, die Zuschauer, die Öffentlichkeit übertragen können. </P><P>Und so lässt der Musiker die Gitarrensaiten aufschreckend blinkern; nervt mit Percussion auf Stuhlbeinen und Plastiktüten, hautnah am Schauspieler; haaaaacht schaurigen Wind in Szenen, als wär's ein Hitchcock, oder sülzt ein bisschen stummfilmisch. Kurz, Elmar Goerden hat die fatale Strategie der Kammerspiele übernommen, der Musik die Arbeit der Schauspieler zu überlassen - und sie damit mehr oder weniger zu degradieren. Im Haus der Kunst lassen diese es jedoch nicht zu. </P><P>Man spürt auch, dass das eigentlich nicht Goerdens Weg ist, zu sorgfältig führt er jede Figur, zu genau "dirigiert" er den Rhythmus des Trauerspiels, das selbst eine große Oper zwischen Ekstase und absolutem Ruhepunkt ist. Goethe hat ein Stück übers Sprechen, über die Kraft des Überzeugens/ -redens geschrieben, und das arbeitet die Inszenierung eindrucksvoll heraus. Sprache wird zum Herrschaftsinstrument. Man kann damit andere sich gefügig machen. Clavio steigt vom armen Wicht zum Hofmann auf, weil er als Autor reüssiert und in der Konversation die Zuhörer hinreißt. So hat er Marie erobert, ihre Schwester Sophie, Vom Wort erstickt wie Eva Gosciejewicz andeutet, aber auch seinen Freund Carlos und den wütenden Beaumarchais. </P><P>Diese beiden Männer sind ebenfalls der gewaltigen Rede mächtig, sodass sich Clavigo ihnen von Fall zu Fall unterwirft. Michael von Au am Boden vor dem Rächer-Bruder Peter Kremer setzt sich dessen Stiefel auf die Brust. Und wenn der sich nach Clavigos zweitem Meineid an seinem toll formuliertem Zorn seelisch aufrichtet, merkt er gar nicht, dass neben ihm, fast tonlos, Marie stirbt. Sie ist die Schwächste, redet kaum. Sie ist so machtlos, dass die fremden gesprochenen und die eigenen ungesprochenen Worte sie ersticken. Christine Schönfeld zeigt Marie als gepeinigtes Fäulein, das sich etwas gehen lässt.</P><P>Sie ist keine dumme Heulsuse, weiß, dass es falsch ist, sich den Gefühlen total auszuliefern - kann aber nicht anders. Das ist ihr Schicksal, und sie schickt sich hinein. Nur, womit sie Clavigo fesseln konnte, laut Text ja auch geistig, bleibt unklar. Der ist allerdings bei von Au auch kein geschliffener Intellektueller, eher ein großer Bub; klar, dass den jeder mag. Wetterwendisch ist er, aber der Schauspieler gibt ihm in jeder Wendung aufs Neue volle Glaubwürdigkeit. Kein böser Zug ist an ihm zu entdecken, und doch verursacht er, plötzlich ungerührt, schlimmstes Leid. Er steht zwischen Freund Carlos und Feind Beaumarchais. </P><P>Absolut souverän gestaltet Oliver Nägele diesen Carlos, der Clavigo "machen" will. Keinerlei Klischee lässt Nägele zu. Er beweist, dass man eine Figur ohne den kleinsten Trick - den alle anderen brauchen - modellieren kann. Er spielt Carlos so, dass wir demütig erkennen, ein Urteil über diesen Charakter steht uns nicht zu. Peter Kremer hat's leichter, denn Maries Bruder ist ein Sympathieträger. Diese Eindeutigkeit untergräbt er geschickt, wohl "handwerklich" (nervöser Tick) zu geschickt. Überzeugend auch Arnulf Schumacher als Sophies Ehemann und Peter Nitzsches Buenco.</P><P>Insgesamt also eine spannende, aufschlussreiche Aufführung. Wenn sie nicht am Ende in Peinlichkeit abstürzen würde. Wollte Goerden Goethes Gefühlstumulte am Sarg Maries toppen oder verspotten? Er treibt Clavigo und Beaumarchais in den Irrsinn: Der eine versucht die Ehe noch schnell mit der Leiche zu vollziehen, wofür ihn der andere mit seinen Beißerchen kastriert. Verblutend trippelt Clavigo, als müsse er aufs Klo, einen Versöhnungs-Reigen. Und um die geschmacklose Plattheit zum Äußersten zu treiben, ließ Goerden Sophie sich erbrechen, ein unsäglicher "Kunstgriff" aus drittklassigen Fernsehfilmchen. Die Zuschauer behielten Nahrung und Contenance - und klatschten freundlich. </P>

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