Peng statt Blubb

- "Ludwig II." war seinerzeit, wir erinnern uns, das Musical mit dem Blubb. Als der König nahezu blasenfrei und wellenlos abtauchte, auf dem Weg in eine neue Dimension - oder eben in die feuchte Umarmung des Berger Seetangs. Da ist die Version B, "Ludwig2", am Freitag uraufgeführt im Füssener Festspielhaus, schon handfester. Und bietet nach Legenden lechzenden Kini-Fans die Lösung: ein Spaziergang mit Psychiater von Gudden, ein unvermittelter Monolog ans Publikum ("Ab jetzt schreiben wir gemeinsam Geschichte"), dann ab in die rechte Bühnengasse, verfolgt vom geheimnisvollen Schattenmann.

<P>Zweimal Peng, großes Finale inklusive Schwan vor Neuschwanstein, und endlich wird Ahnung Gewissheit: Daschoss'n hams'n, die Sauhund'.<BR><BR>Was hat er denn getan? Ein Edelmann, der Pazifismus predigt ("Unsere Beine sollen tanzen, nicht marschieren"), ein "Lohengrin"-Verehrer und Phantast, der mit herzig-hilflosem Blick den Gral in seiner weiß-blauen Welt sucht und gar den Psychiater für sich einnimmt. Ein irgendwie asexueller Saubermann, bei dem kein rosarotes Stäubchen die Biografie beschmutzt. Doch die intrigante Ministerrunde ist sich einig: "Der Mann ist Gift für unseren Standort." Womit das kritisch-satirische Potenzial der Macher von "Ludwig2" auch schon wieder erschöpft wäre.<BR><BR>War nämlich Franz Hummels Kini-Musical vor fünf Jahren durchzogen von grellem Witz und schrägen musikalischen Abrechnungen mit der Mpftata-Folklore, so wird "Ludwig2" ein riesiges Stück weiter in Richtung US-Konfektionsware gerückt. Die zwar für zweieinhalb Spielstunden Kurzweil garantiert, manch Ahnung eines Ohrwurms aufblitzen lässt und eine gut getimte, stellenweise effektvolle Show bietet. Die aber auch Emotionen durchschaubar bedient und das Drama um den Märchenmonarchen als harmlose Geschichte aufrollt. Und das trotz Konstantin Wecker!<BR><BR>Gut, ein paar Mal gibt's Wecker-Typisches, das sich mit den Stücken von Co-Komponist Christopher Franke und den Arrangements von Nic Raine zur sättigenden Klangsahne verbindet (Texte: Rolf Rettberg). Musikalische Widerhaken wie das operettige Quartett bei Wittelsbachs und Ludovikas g'schert schunkelnder Walzer bleiben die Ausnahme. Einen Sound im Stil von Filmmusik wolle man bieten, sagen die Urheber, und so klingen geschätzte 90 Prozent auch. Auf Streicherwatte (vom Band) gebettet, ergänzt vom Mini-Orchester im Graben, dabei sicher koordiniert von Dirigent Bernhard Fabuljan. Mal erhascht man Richard Strauss, mal seufzt der "Tristan"-Akkord, mal marschiert auf der Neuschwanstein-Baustelle eine Variation von Beethovens Neunter, und, ach ja, der Schuhplattler darf auch nicht fehlen. Wobei Letzteres verzichtbar bleibt: Beim Thema Humor tun sich die "Ludwig2"-Väter schon arg schwer.<BR><BR>Die Show von Conall Morrison (Regie) und Michael Curry (Ausstattung) arbeitet mit dezentem Prunk und einer klaren, nie überladenen Szenerie, dafür umso mehr mit Projektionen und Schattenspielen. Höhepunkt: die Schlachtenmusik, zu der sich meterhohe Skelette im Totentanz wiegen - auf dass die Sinnlosigkeit des Krieges drastisch geschildert werde.<BR><BR>Die Gaststars beschränken sich auf Mini-Auftritte. André´ Eisermann spielt den augenrollenden Prinz Otto als armen Irren, Christine Kaufmann (Engel) steuert als Frau im Mond Poesiealbumsprosa bei. Eine tonnenschwere vokale Last muss indes die Hauptperson schultern. Und Jan Amman (Ludwig) tut dies exzellent, mit kernigem, klangschönem Bariton und der Ausstrahlung des sympathischen, treuherzigen Schwiegersohns. Solide bis hochachtbar: Janet Chvatal (eine etwas herbe Sisi), Norbert Lamla als Gutmensch Gudden und Bruno Grassini als mordlicher Schattenmann, dem kurz vor Schluss und etwas überraschend eine wirklich starke Solo-Nummer vergönnt ist.<BR><BR>Nach dreieinhalb Jahren war der Vorgänger zu tief in die roten Zahlen gerutscht. Und dass sich die Initiatoren von "Ludwig2" vor dem Finanzdesaster von "Ludwig II." gruseln, hört und sieht man der Produktion an: eine Aufführung, die sich weniger an bayerische Insider als an eine diffuse internationale Touristenschar richtet. Ist ja nicht schlimm, produziert aber einen kantenlosen Kini-Bilderbogen. Ein netter, ein braver Mann. Nur: Warum sollte den jemand meucheln?</P><P>Karten: Tel. 01805/ 13 11 32. <BR>Der BR sendet am Sonntag (22.15 Uhr) und am Montag (11.15 Uhr) eine Reportage über "Ludwig2"; die CD zum Stück ist bei BMG erschienen.</P>

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