Das perfekte Augenfutter

Salzburg - Seit Samstag, 23.05 Uhr, ist Entwarnung. Ganz getrost können die Agenten ihre Verträge stecken lassen, können Intendanten weiter ihre eigenen Spürnasen in den Opernwind stecken und müssen auch die Plattenfirmen nicht die 08/15-Maschine vom Solo-Debüt bis zum Duo-Album anwerfen. "Traumpaare"? Sehen anders aus, tönen auch anders.

Wobei es schon sehr bezeichnend ist, welch Getöse dank einer einzigen Absage, einer einzigen Netrebko-Schwangerschaft losbricht ­- auf dass sich in Salzburg nach "La traviata" bitte, bitte ein neues Opernwunder ereigne.

Kein Opernwunder: "Roméo et Juliette" mit Rolando Villazón und Anna-Ersatz Nino Machaidze

Bei Charles Gounods "Roméo et Juliette", vor dessen Premiere die Karossen in XL-Schlangen vorfahren und die Schwarzmarktler mit XL-Scheinbündeln wedeln, bleibt es jedenfalls aus. Nach ziemlich kurzer Zeit ist in der hektisch-erwartungsvollen Felsenreitschule klar: Nino Machaidze ist einfach ein sehr normaler, sehr passabler Anna-Ersatz.

Die 25-jährige Georgierin steht am Anfang ihrer Karriere und klingt auch so. Noch hat sich diese Stimme nicht gesetzt, nach einem nervös übersteuerten "Je veux vivre" bleiben gelegentliche Unebenheiten, auch faserige Passagen. Eine Sopranistin mit Entwicklungsmöglichkeiten, gewiss. Bemerkenswert die Flexibilität, vor allem die Expansionsfähigkeit ihres Soprans, dem aber ­ bislang ­ die persönliche Note, vor allem jener Seelenton fehlt, der aus Juliette mehr als eine dramatisch gelaunte Soubrette macht.

Und Rolando Villazón? Ist natürlich ganz Roméo, schmachtet und leidet und barmt, wie es kein anderer so wahrhaftig kann. Ein Darsteller, der zwischen himmelhochjauchzend und todesbetrübt nur wenige Zwischenstufen kennt und bei dem mindestens 80 Prozent der Publikumsdamen sofort auf die Bühne eilen möchte, um ihn vor der eitlen, bösen Welt zu beschützen. Doch was aus seiner Kehle kommt, greift einem ebenso weh ans Herz. Dahin Charme und Schmelz. Villazón hat sich offenbar von der Krise nicht erholt. Vieles wird angetäuscht und im unteren Lautstärkebereich belassen: Lyrik aus Notwehr. Dramatik funktioniert nur unter Überdruck. Und meist macht sich der Mexikaner mit stumpfem Ton und Ansatzknacksern wie unschlüssig auf die Suche nach Resonanzräumen. Die große Arie gerät zum (ungesicherten) Drahtseilakt, manch effektvoll aufgerissener Ton soll über vieles hinwegtäuschen.

Ausgerechnet ein Russe, Mikhail Petrenko als Bruder Laurent, muss da die Bühne betreten, um den Kollegen inklusive dem übertrieben orgelnden Falk Struckmann (Capulet) vorzuführen, wie Gounod mit französischem Idiom, kerngesund und stilistisch erfüllt gesungen wird.

Dass diese Premierenpracht durch keinerlei szenische Extravaganzen gestört werden sollte, war ja von vornherein klar. Doch vorbei die Salzburger Zeiten, als ein Willy Decker mit seiner "Traviata"-Regie Ambition und Kulinarik bediente. Bartlett Sher, gestählt durch Musical- und Theaterproduktionen, kriegt die Felsenreitschule immerhin in Griff. Mit Ringelpiez samt Heissassa auf kargen Holzpodesten, filmreifen Fechtereien, prächtigen Kostümen und einem Schlafzimmer-Laken, auf dem sich mühelos zwei Dutzend Capulet- und Montague-Sprösslinge ewige Liebe gestehen könnten. Sher bietet mit seinem versierten Ausstattungsteam perfekt ausgeleuchtetes Augenfutter. Doch in den Kern der Geschichte dringt er nur ansatzweise vor. Die existenzielle Not der Titelfiguren bleibt Behauptung, der blutgetränkte Familienkrieg Dekoration.

Die Überraschung des Abends steht im Graben: Yannick Nézet-Séguin wirft sich sympathisch aufgekratzt ins Stück. Kein pastelliger, sondern ein eher diesseitiger "Roméo" mag das sein. Doch wie sich der junge Kanadier als Animator betätigt, wie er den Riesenladen nicht nur souverän zusammenhält, sondern ihn temperamentvoll, mit viel Sinn für großbogige Zusammenhänge, federnde Rhythmen und geschmeidige Übergänge befeuert, das nötigt schon Respekt ab. Unter seinen Händen kann das Mozarteum-Orchester fast zu den Wiener Philharmonikern aufschließen. Und sogar der Staatsopernchor scheint eine Spur differenzierungslustiger als tags zuvor beim "Otello". Vorhersehbare Ovationen, obgleich mancher mit zunehmender Giftwirkung auf die Uhr linste. Wenigstens war's eine schöne Leich'.

Vorstellungen am 6., 9., 12., 15., 18., 19., 22. und 25.8.; 0043/ 662/ 8045-500.

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