Perfekte Höllen-Ordnung

München - Der Theaterautor Lukas Bärfuss legt jetzt seinen ersten Roman vor. Mit "Hundert Tage" setzt er sich mit dem Völkermord in Ruanda auseinander.

Mitten in der Schweiz, am heimeligen Kaffeetisch und zum einsetzenden Tanz der Schneeflocken draußen stellt der Erzähler dieses Buches uns Lesern einen Mann vor, der uns mitnimmt zu den grausamsten Eindrücken, die ein Mensch nur gewinnen kann. Im Verlauf des nachmittäglichen Gesprächs legt dieser David Hohl, Zeuge eines der verheerendsten Bürgerkriege des vergangenen Jahrhunderts, ein Geständnis ab: Wie er, ein Gerechtigkeitsfanatiker von Kindesbeinen an, in Ruanda schuldig wurde. Wie die Schweiz mit ihrer Entwicklungshilfe dort einen Genozid beförderte. Wie Deutschland und Belgien einst als Kolonialmächte aus den Volksgruppen der Hutu und Tutsi einander feindliche Rassen geschaffen hatten. Und ganz allgemein: Wie Afrika Opfer der Weltpolitik wurde und blutigster Kontinent bis auf den heutigen Tag.

Ein beunruhigendes Buch hat der Dramatiker Lukas Bärfuss ("Die Probe", Münchner Kammerspiele) mit seinem Debütroman "Hundert Tage" geschrieben: Weil er nicht nur die bequeme Position abendländischer Ignoranz zu Fall bringt, sondern auch die der noch so gut gemeinten Entwicklungshilfe-Politik. Und weil er seinen rechtschaffenen Protagonisten David Hohl in die Massaker verstrickt, bis der sich kaum mehr wiedererkennt. Vier Jahre verbringt David als Angestellter der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit in Kigali, der Hauptstadt Ruandas. Das bergige kleine Land nahe dem Äquator gilt mit seinen fleißigen, zuverlässigen Bauern und seiner prosperierenden Wirtschaft als die Schweiz Afrikas.

Ein wenig gelangweilt tut David im beschaulichen Kigali seinen Dienst und liebt nebenbei die einheimische Agathe. Bis 1994 die Rebellen der Tutsi in das Land einfallen, aus dem sie als Minderheit bei der Unabhängigkeit 1962 vertrieben worden waren, und die Hutu an den Tutsi fast schon generalstabsmäßig Völkermord begehen. David aber verlässt das Land nicht ­ und man weiß nicht, ob aus Liebe zu Agathe oder aus Scham, dass er mit seiner Organisation vertrauensselig ein jetzt mörderisches System unterstützt hat. Jedenfalls brechen für ihn, versorgt von seinem Gärtner und später unter der Obhut der skrupellosen Hutu-Milizen, seine hundert Tage der Hölle an. "Jetzt weiß ich, dass in der perfekten Hölle die perfekte Ordnung herrscht", resümiert er, "dass jeder Völkermord nur in einem geregelten Staatswesen möglich ist". Und in letzter Konsequenz fragt er sich, "ob wir im Gegenzug auch das Ruanda Europas werden könnten", wo doch die Schweizer Weltmeister des korrekten Vollzugs von Maßnahmen seien. Disziplin, Respekt vor Institutionen, Liebe zu Ordnung und Routinen ­ "all das ist kein Hindernis, sondern Voraussetzung für einen Massenmord".

Und David ist das beste Beispiel dafür. Nicht nur beschafft er sich auf betrügerische Weise Geld für die Flucht, er liefert seinen Gärtner, der wiederum die Haushälterin meuchelte, den Milizen aus. "Irgendetwas brannte darauf, mir eine messbare Schuld zu geben, etwas, das ich tatsächlich bereuen konnte." Denn, so das bestürzendste Bekenntnis, weil es einen Freibrief schlechthin darstellt: "Weil ich gerecht sein wollte, wurde ich schuldig, und als ich mich schuldig machte, fühlte ich mich gerecht." Weil Bärfuss an diesem Einzelschicksal die allgemeine Tragik menschlichen Handelns schildert, ist dieses politische und hoch moralische Buch so verstörend und unverzichtbar.

Lukas Bärfuss:

"Hundert Tage". Wallstein Verlag, Göttingen, 197 Seiten; 19,90 Euro. Der Autor liest heute beim Tukan-Kreis um 19.30 Uhr in der Münchner Seidlvilla. Telefon 089/ 129 06 77.

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