Der perfekte Riecher

Bregenz - Intendant David Pountney verabschiedet sich mit seiner einzigartigen „Zauberflöte“ von den Bregenzer Festspielen.

Das Ende seiner Rede nutzt er für einen Kurz-Sketch. „Oh, thank you, David!“ Kurze Körperdrehung. „Oh bitte, danke Dir, David!“ Wieder Drehung, einige Sekunden geht das so weiter. Intendant und Regisseur in Personalunion, das erfordert auf der Premierenfeier ungewöhnliche Mittel. Dass David Pountney bald nicht mehr hier sein soll? Undenkbar. So wie der Pfänder, die Uferpromenade samt Eisdiele und der Stau vor der Seebühnenaufführung gehört der Brite zum Bregenzer Inventar. Nach elf Jahren ist nun Schluss, auch wenn er das nicht gewollt hat. Umso generöser sein Abschiedsgeschenk: Mozarts „Zauberflöte“, gerade von 7000 jubelnden Besuchern bei der Wiederaufnahme-Premiere gefeiert, ist der ultimative Festspiel-Blockbuster.

Rund 400 000 Karten werden nach den zwei Spieljahren verkauft worden sein. Pountney macht sich da wenige Illusionen: Das liege am Stücktitel. Ein Understatement. Wenn einer den perfekten Riecher für die Riesenbühne entwickelt hat, dann er. Wie Sänger zu führen sind, die aus der letzten Reihe auf Ameisengröße geschrumpft sind, wie man mit Gags, Schau- und Staunwerten arbeitet, das demonstiert Pountney mit Johan Engels (Bühne), Marie-Jeann Lecca (Kostüme), Ran Arthur Braun (Stunts samt Choreografie) und den wunderbaren Puppenspielern vom Blind Summit Theatre auf exemplarische Weise. Die szenischen Knaller während der Ouvertüre, die in luftiger Höhe turnenden und sich abseilenden Stuntmänner, die Raketen zu Sarastros Kampf, all das führt ja in die Irre. So wahnsinnig spektakulär ist dieser Abend gar nicht. Weil Pountney eben genau weiß, wie dosiert werden muss, wann er wieder ein neues Element einführen kann, das prompt mit „Ohs“, „Ahs“ und Gelächter quittiert wird. Die sich aus dem Bodensee aufblähende Schlange, die Drachenritte der drei Damen, die aus dem Ei schlüpfende Papagena, so etwas verdirbt für alle weiteren „Zauberflöten“.

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Dabei war das Stück eine Notlösung. Im Bilanzbuch der Ära Pountney wird die Geschichte aufgerollt. Eigentlich wollte er „Showboat“ inszenieren, der Absatzeinbruch beim „André Chenier“, der vorausgegangenen See-Produktion, zwang zum Umdenken. Das Buch, hintersinnig „Der fliegende Engländer“ betitelt, zwei Kilo schwer und üppigst bebildert (Verlag Bregenzer Festspiele; 34 Euro), ist alles andere als ein verherrlichender Rückblick. Offen spricht Pountney Probleme an, ordnet auch Inszenierungen – manchmal nicht schmeichelhaft für die Kollegen – ein. Sänger kommen zu Wort, Regisseure, Männer und Frauen hinter den Kulissen. Man erfährt vieles, etwa über den amüsanten Bregenzer Allzweck-Bariton Scott Hendricks, über den irrsinnigen logistischen Aufwand und über die „Wunderbar“ im Ortszentrum, die den Feierbiestern im Team als Absturzkneipe dient.

Pountneys Nachfolgerin Elisabeth Sobotka will zum Auftakt klotzen. Draußen gibt es im kommenden Jahr Puccinis „Turandot“, drinnen inszeniert Stefan Herheim „Hoffmanns Erzählungen“ von Offenbach, ab 2017 läuft auf dem See Bizets „Carmen“. Doch vorerst haben die Bregenzer zu tun, alle Kartenwünsche für die „Zauberflöte“ zu befriedigen. 90 Prozent der Tickets sind weg. Und neben der Inszenierung wird noch mit 1A-Sängern gewuchert. Traditionell sind die Rollen mehrfach besetzt. In der Premiere singt Norman Reinhardt einen beherzten Tamino und Bernarda Bobro eine geerdete Pamina. Abräumer sind zwei andere: Kathryn Lewek als Königin der Nacht und Markus Brück als Papageno. Letzterer, weil er den Vogelfänger ohne Baisersüße gibt, in jedem Schauspiel-Ensemble Platz hätte und eine Stimme mitbringt, die für den Baritonschönheitspreis reicht. Dirigent Patrick Summers bewegt sich am Pult der Wiener Symphoniker wesentlich lockerer durch die Partitur als 2013. „Vielleicht“ sei dies seine letzte Bregenzer Produktion, sagte Pountney auf der Feier. Warum eigentlich sollte der gewiefte Showmaster nicht als Gast wiederkehren?

Markus Thiel

Weitere Vorstellungen

bis 25. August; Telefon 0043/ 5574/ 4076.

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