Perfektion ohne Beklemmung

- Wie viel kollektive Lebenszeit wird eigentlich verwartet, wenn im ausverkauften Münchner Herkulessaal ein Konzert über eine Viertelstunde zu spät beginnt? Egal - schließlich traten Hilary Hahn und ihre Klavierpartnerin Nathalie Zhu vor ihr gespanntes Publikum und tauchten flugs ein in die Zartheiten von Wolfgang Amadé´ Mozarts Sonate für Violine und Klavier G-Dur KV 301. Schon hier wurde klar: Zwischen den beiden jungen Frauen besteht keine künstlerische Hierarchie sondern eine musikalische Partnerschaft, in der man nur eines will: lebendig musizieren mit höchster Präzision.

<P>Perfekte Ausgewogenheit zwischen Hahns herrlich sonorem Geigenton und dem teils wuchtigen Klaviersatz auch in der ersten Violinsonate Ernest Blochs - mit ihrem zwischen Gefühligkeit und barbarischer Attitüde hin und her wabernden Pathos, aber wohl doch zurecht vergessene Musik. Zuvor spielte Hahn das Allerheiligste der Violinliteratur: Johann Sebastian Bachs Solo-Partita d-moll. Auch hier makellose Technik und Durchformung, Kraft bei mäßigen Tempi, rhythmische Logik, nicht abreißende Spannung in Bachs Unendlichkeits-Melodiebögen. Und dann, trotz solcher Idealbedingungen: keine Erfüllung - warum nur?</P><P>Vielleicht lässt es sich am besten an der riesigen Ciaccona festmachen, die das Stück beschließt. Auch wenn man sich nicht der Meinung anschließen will, es handle sich dabei um ein tönendes Grabmal, das Bach seiner verstorbenen Frau Maria Barbara schrieb, dieses Stück spricht von menschlicher Bedrängnis, in allen drei Teilen stürzen seine Steigerungen bohrend-unruhig Abgründen zu. Bei Hilary Hahn: Perfektion rundum, aber kaum Kontakt zu Aufruhr und Beklemmungen, die in die Noten hineingegossen sind. Ähnliches gilt für Mozarts letzte große Violinsonate A-Dur KV 526, die den Abend beschloss. Um an die innere Leere zu rühren, die dort unter allem Esprit kreist, scheint es einer Fähigkeit zu bedürfen, die der phänomenalen Geigerin mit Sicherheit noch zuwachsen wird: zu zweifeln. <BR></P>

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