Performance ist überall

- Was ist Avantgarde? Es ist vor allem der Kontrast zum Bestehenden, der Widerspruch zur Tradition und allem Offensichtlichen, das Vorausschauende und das Dahintersehende, oft in anderen, ungewöhnlichen Zusammenhängen, die der Realität ein neues oder anderes Licht aufstecken.

<P>Wenn also Festivalleiter Tilmann Broszat in der Pressekonferenz zum diesjährigen Theaterfestival "Spielart" (24.10.-8.11. in München) u. a. kundtut, dass das deutsche Theatersystem sowieso längst überholt sei, dann ist das einfach Unsinn. Nicht nur deshalb, weil Spielart seine Wirkung gerade aus der Konfrontation mit dem existierenden Theatersystem zieht; sondern auch, weil Broszat die Mithilfe zweier, seiner Meinung nach überholter Spezies, der Münchner Kammerspiele und des Bayerischen Staatsschauspiels, selbst in Anspruch nimmt.</P><P>So einen vermeintlichen Alibisatz hätte er für sein Festival gar nicht nötig gehabt, denn was er und Gottfried Hattinger jetzt als "Spielart"-Programm präsentierten - 22 Projekte in 52 Vorstellungen -, lässt auf einen spannenden Theaterherbst hoffen. Auf gut Deutsch lautet das offizielle Festival-Motto: "Is it real?" In Zeiten der Fälschungen sogar dokumentarischen Bildmaterials eine berechtigte Frage. Wie verarbeiten die Künstler die aktuellen Ereignisse? Broszat: "Performance ist überall. Was soll da noch das Theater? Also muss neu nachgedacht werden." Und das tut man bei "Spielart" vor allem, indem über die Grenzen geblickt wird. </P><P>Hauptaugenmerk liegt heuer auf Polen, einem seit jeher avantgardistischen Theaterland, dessen letzter großer Protagonist Tadeusz Kantor war. Nun kommt mit Grzegorz Jarzyna, dem Teatr Cinema, mit Komuna Otwock und Katarzyna Kozyra die neue Generation zu Wort. Ein weiterer Schwerpunkt sind die Niederlande, die vertreten werden durch einzelne Gruppen sowie durch ihr renommiertes Theaterinstitut. Ziel sei es, holländisches Theater in Deutschland bekannter zu machen und es international zu etablieren. Das Münchner Festival lenkt unseren Blick ebenso auf die "Spielart"-Gäste u. a. aus Kanada, Russland, Argentinien, Belgien, Großbritannien, USA. Aus München sind fünf Schauspielerinnen mit dabei, die an einer deutsch-polnischen Gemeinschaftsproduktion mitarbeiten.</P><P>Finanziert wird das Ganze hauptsächlich von der Bundeskulturstiftung (450 000 Euro), dem Verein Spielmotor und der Stadt München (je 364 000 Euro); unter den Geldgebern findet sich auch der Freistaat.</P><P>Vorverkauf: ab 25. September; Tel. 089/ 54 81 81 81. Infos: www.spielart.org<BR></P>

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