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„Die Vision des heiligen Bernhard“ von Perugino (1489/90) erwarb einst Ludwig I. von Bayern.

Perugino-Schau: Zeit für die Wiederentdeckung

München - Ob er Raffaels Lehrer war, ist fraglich – und letztlich unwichtig, wie die Perugino-Schau in der Alten Pinakothek zeigt.

Botticelli, Leonardo da Vinci, Raffael und Tizian kennt jeder. Aber Pietro Perugino? Und doch galt der aus Perugia stammende Pietro Vannucci (um 1450 bis 1523) Ende des 15. Jahrhunderts als berühmtester Maler Italiens. Im Ruhm bald verblasst, im 19. Jahrhundert als „Andachtsmaler“ wieder wertgeschätzt, fand er letztlich vor allem als Lehrer Raffaels Beachtung. Dass er aber tatsächlich ein Maler von Bedeutung ist, zeigt nun zum Abschluss des 175. Jubiläums-Jahres der Alten Pinakothek die von Andreas Schumacher kuratierte Ausstellung „Perugino – Raffaels Meister“ mit dreißig Werken aus allen Schaffensphasen. Gelegenheit, einen Renaissance-Künstler wiederzuentdecken, der mit der undramatisch-stillen Anmut seiner Bilder aus der Alltagshektik zu innerer Ruhe führt.

Zu verdanken ist dies nicht zuletzt Ludwig I. von Bayern, dem Gründervater der Alten Pinakothek. Das von ihm 1829 erworbene Altarbild von Perugino „Die Vision des heiligen Bernhard“ (1489/90) ist Anlass und Mittelpunkt der Schau: dem Heiligen sind zwei Apostel zugesellt; ihm gegenüber, begleitet von zwei Engeln, die Gottesmutter, die dem Heiligen mit zarter Geste etwas mitzuteilen scheint. Von der engagierten kuratorischen Mitarbeiterin Annette Hojer aufmerksam gemacht, erkennt man, dass die dargestellten Personen keinen Blickkontakt haben: Der heilige Bernhard bleibt in sich versenkt, wodurch bildlich fassbar gemacht wird, dass die Kommunikation auf geistiger Ebene stattfindet. Charakteristisch hier, aber auch für andere Werke, ist die harmonische Geschlossenheit von Figurengruppe und Architektur mit Ausblick in eine besänftigende Abendlandschaft. Es war Peruginos besondere künstlerische Leistung, über solche kompositorischen Raumanordnungen religiöse Empfindungen wachzurufen. Eine ähnliche meditativ anregende Wirkung geht von seinem „Hl. Sebastian“ (1495) aus. Anders als die florentinischen und venezianischen Maler stellte Perugino diesen nicht dramatisch als geschundenen Märtyrer dar. Entspannt wandert der betrachtende Blick über einen unversehrten makellosen Körper – der Heilige diente als Musterthema für die männliche Aktmalerei – nach oben zu dem weichen Gesicht mit den ins Unendliche gerichteten Augen. Diese ohne ausgeprägte Muskulatur sanfte Körperlichkeit beobachtet man auch bei „Apoll und Daphnis“ (um 1490), eines der zwei erhaltenen mythologischen Bilder Peruginos, das wahrscheinlich der Florentiner Bankier Lorenzo Medici in Auftrag gegeben hatte.

Perugino war, wie seine zeitgenössischen Malerkollegen, selbstverständlich auch Unternehmer. Nachdem er, zusammen mit drei Kollegen, von Papst Sixtus IV. 1480 den Auftrag zur Ausmalung der Sixtinischen Kapelle erhalten hatte, betrieb er, neben Aktivitäten weiterhin in Perugia, in Florenz eine Werkstatt. In den folgenden zwei Jahrzehnten entstanden zahlreiche Altarbilder, Freskendekorationen, private Andachtsbilder und Porträts.

An den ausgestellten Madonnenbildern Peruginos und auch späterer Maler lassen sich Ähnlichkeiten und veränderte Sichtweisen studieren – von einer leichten Geziertheit in der Tradition umbrischer Maler bei Perugino hin zu einer größeren Natürlichkeit zum Beispiel bei Raffael. Ob letzterer tatsächlich Schüler Peruginos war, ist übrigens nicht belegt. Wahrscheinlicher ist, dass er mit bereits erworbenen Kenntnissen in dessen Werkstatt mitgearbeitet hat.

Beeindruckende Beispiele für die Wiederentdeckung des Individuums in der Renaissance sind die hier versammelten vier Porträts von Peruginos Hand. „Das Bildnis des Francesco delle Opere“ (1494), Porträt (wahrscheinlich) eines wohlhabenden Seidenstoff-Herstellers und Anhängers des Bußpredigers Savonarola, verrät in seiner Strenge, in der kontrastreichen Farbgebung, in dem ausgefeilten landschaftlichen Hintergrund deutlich den niederländischen Einfluss. Man vergleiche mit Hans Memlings „Bildnis eines Mannes mit Brief“, das in dem umfangreichen Katalog (Hatje-Cantz-Verlag, im Museum 29,90 Euro; im Handel 39,80 Euro) dem Francesco-Porträt gegenübergestellt ist.

Dass Kurator Andreas Schumacher die Münchner Peruginos ergänzen konnte mit den kostbaren Leihgaben aus den bedeutendsten Museen und Sammlungen zwischen Perugia, Florenz, Rom, Paris, London, St. Petersburg und New York, sollte unbedingt zu einem Besuch animieren.

Bis 15. Januar 2012,

Telefon 089/ 23 80 52 16.

Von Malve Gradinger

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