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Er macht nicht nur in Hühner: Peter Gaymann mit Sardinendosen-Skulptur. 

Münchner Ausstellung mit Werken des legendären Cartoonisten

Peter Gaymann: Raus aus dem Hühnerstall

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Mit seinen Hühner-Cartoons wurde Peter Gaymann berühmt. Dass das Werk des Künstlers sehr viel vielfältiger ist, zeigt die Ausstellung „Grüß Gott München“, die das Auktionshaus Neumeister zusammen mit dem Forum Humor ausrichtet. 

Der Tigerente wird jetzt der Angstschweiß auf der hölzernen Stirn perlen; vielleicht wird Janoschs Geschöpf aber auch grün vor Neid. Denn die Ente, die Peter Gaymann hier an den Start schickt, trägt ihren gelben Quietsche-Kopf stolz auf der schwarz-gelb lackierten Karosserie eines Citroën 2CV. Gewiss, es gibt sie nur im Miniaturformat, dennoch würde sie bei einem Rennen vor der Tigerente ankommen – in Panama oder wo auch immer.

Peter Gaymanns „Readymade“, also ein Kunstwerk aus vorgefundenen Objekten, in diesem Fall Spielzeugauto und tierischer Badewannen-Spaß aus Plastik, ist jetzt bei Neumeister an der Barer Straße zu sehen. Das Auktionshaus hat zusammen mit dem Forum Humor und Komische Kunst dem Cartoonisten und Zeichner die so liebevolle wie sehenswerte Schau „Grüß Gott München“ ausgerichtet – das Pendant zur Ausstellung „Tschö Köln“. Schließlich ist Gaymann, der 1950 in Freiburg im Breisgau geboren wurde, gerade erst aus der Domstadt nach Bayern gezogen, wo er mit seiner Frau ein ehemaliges Wirtshaus unweit des Starnberger Sees hergerichtet hat.

Die Hühner-Cartoons machten Peter Gaymann berühmt.

Moment mal! Peter Gaymann? Ist das nicht der mit den Hühnern? Richtig! Und dennoch ungenau. Denn sein Schaffen ist natürlich weitaus umfangreicher, wie jetzt in München zu sehen ist. Die Cartoons mit dem Federvieh, das stets zutiefst menschlich agiert, haben den Künstler freilich berühmt gemacht. Und natürlich erlaubt er auch bei Neumeister Einblicke in sein „Huhniversum“.

Da ist etwa das Tier, das beim Anblick eines Artgenossen, der ein Pfauenrad umgeschnallt und aufgeschlagen hat, nur denkt: „Scheiß Werbung!“ Die Arbeit verrät einiges über Gaymanns Stil: Eine charmant in leuchtenden Farben hingetuschte Zeichnung erhält durch einen treffend hinterfotzigen Spruch eine weitere Bedeutungsebene. Das macht immer Freude – und bringt im besten Fall zum Nachdenken.

Seit 1990 zeichnet Peter Gaymann für die „Brigitte“

Dazu kommt die kluge Hängung in der Ausstellung. Da folgt der Zeichnung, auf der zu sehen ist, wie ein Huhn mittels Körnerspur in die Küche gelockt wird, wo der Koch schon lauert, ein Blatt, das diese Machtverhältnisse einfach umkehrt: Nun sticht das Geflügel auf die Voodoo-Puppe eines Kochs ein. „Grüß Gott München“ ist seit 1985 die erste Schau des Künstlers an der Isar, wie Gaymann im Gespräch mit unserer Zeitung erzählt. Gleich einer Retrospektive versammelt sie Arbeiten, die zwischen 600 und 1200 Euro kosten, aus verschiedenen Themenbereichen und Schaffensphasen. Denn der Zeichner macht bei Weitem nicht nur in Hühner. Er spießt den Beziehungsalltag auf (seit 1990 etwa in seiner Cartoon-Kolumne „Die Paar Probleme“ für die Frauenzeitschrift „Brigitte“) und träumt zusammen mit seinen Figuren den Traum von der großen Liebe: „Einer, der so küsst, trägt auch den Müll runter“, denkt sich eine Frau, die gerade an den Lippen ihres Geliebten hängt. Gaymann illustriert die weiten (Geschmacks-)Welten der Kulinarik und entlarvt mit leichtem Strich Eitelkeiten und Besonderheiten des Kunstbetriebs. „Bis auf den letzten Tropfen“ steht unter einem Bild, das US-Künstler Jackson Pollock beim Leeren einer Weinflasche und gleichzeitiger Arbeit an einem seiner „Action Paintings“ voller Kleckse zeigt.

Gaymanns Huhn verneigt sich vor Karl Valentin

Ausgestellt sind zudem die zu Unrecht weniger bekannten „Reiseskizzen“, Momentaufnahmen mit Stift oder Aquarellfarben von unterwegs, und Arbeiten, in denen sich Gaymann mit den Eigenheiten seiner neuen Heimat Bayern beschäftigt. Auffallend ist nicht nur, wie genau der 67-Jährige beobachtet, wie geschickt er den Kern seiner Aussage zeichnet – sondern auch, wie neugierig er nach wie vor auf Materialien ist: Da werden Tortenservietten zu Zeichenblättern, ein Spielzeugauto zum „Readymade“ und Ölsardinendosen zu Puppenbettchen oder zu anderen kleinen Skulpturen: „Ich mag es, Dinge von der Straße aufzuheben und mit denen weiterzuarbeiten“, sagt Peter Gaymann.

Am Ende des Rundgangs sehen wir, wie ein gelbes Gaymann-Huhn seinen roten Kamm vor Karl Valentin zieht. Da haben sich zwei gefunden. Herzlich willkommen, Peter Gaymann.

Informationen zur Ausstellung: 

„Grüß Gott München“ läuft bis 27. April 2018 im Auktionshaus Neumeister, Barer Straße 37; die Schau ist von Montag bis Freitag (10 bis 17 Uhr) geöffnet. Der Eintritt ist frei.

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