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Wie eine wüste Betriebsfeier: Mikolaj Zalasinski (Ezio, li.) mit Nicolai Karnolsky (Attila) und dem Chor des Nürnber ger Staatstheaters.

Premierenkritik

Verdis „Attila“ in Nürnberg: Mannomann

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Peter Konwitschny nimmt sich Verdis „Attila“ am Staatstheater Nürnberg vor - und macht daraus eine herrliche, hintergründige Kriegs-Satire.

Nürnberg - Warum bei verschärfter Blutrunst immer dieses Humtata einsetzt, können – Hand aufs Herz – selbst Verdi-Fans nicht genau erklären. Es gibt Opern des Meisters, die neunte zum Beispiel, da ist es besonders arg mit der Mitklatschstimmung. Alles so gewollt, alles Parodie, findet Peter Konwitschny, um das als Einladung zu nehmen, das Pathos von „Attila“ besonders hintergründig zu unterlaufen.

2013 kam seine Inszenierung im Theater an der Wien heraus. Erzürnte Besucher erzwangen fast den Abbruch, beim Nachspielen in Lübeck und aktuell am Staatstheater Nürnberg gab es (fast) nur noch eine Reaktion: So intelligent wird man doch in der Oper selten amüsiert. Aus jedem Takt des Zweistünders quillt Wut, Trug und jede Menge Körperflüssigkeit. Hunnenkönig Attila dringt ein nach Italien, wird dort von Heerführer Ezio aufgehalten. Beide nehmen Odabella ins Visier, was für Extra-Schübe Testosteron sorgt.

Wo Verdi Musik und Handlung bis zum Heißlaufen überdreht, übersetzen das Konwitschny und Ausstatter Johannes Leiacker in die grelle Comic-Parabel. Anfangs treffen Volk und Führer als Kinder aufeinander, bekämpfen sich vor zerschossenem weißen Rundhorizont mit Holzlöffeln. Odabella ist das dicke Mädchen, das nicht nur der Physiognomie wegen in die Sonderrolle gedrängt wird: Helena Dix spielt das mit großartiger Selbstironie, die haarig schwere Partie bedient sie bis in die letzte Koloraturecke souverän.

Im Laufe des Abends altern die Figuren, lernen aber nichts dazu

Im Laufe des Abends altert das Personal. Aus dem Sandkastenzoff wird eine Art wüste Betriebsfeier, Polonaise inklusive, bis die Figuren am Ende mit Rollator und in Rollstühlen aufeinander treffen. Die Lebensjahre mögen sich gemehrt haben, Grips und Vernunft weniger. Denn ob mit Klobürsten gedroht oder mit unvollständig geladenen Pistolen auf erbeutete Frauen gezielt wird: Das Muster, nach dem der Mann funktioniert, ist immer dasselbe. Gut und Böse? Gibt es folglich nicht – schon Verdi ließ das ja in seiner Musik listig offen. Konterkariert wird die böse Satire durch lichte Spielereien, wenn etwa zu Odabellas Arien-Seligkeit flatternde Papiervögel aus dem Schnürboden herabschweben.

Konwitschnys Absicht, die Konstanz dunkler gesellschaftlicher Kräfte zu zeigen, wird nie moralinsauer – weil er das Konzept mit bissigen bis saukomischen Bildern verlebendigt. Dass Mikolaj Zalasinski den Ezio bis zum effektvollen, ohrenbetäubenden Vokalmuskelspiel aufdonnert, ist also konsequent. Nicolai Karnolsky, zum Nürnberger Saisonbeginn schon Konwitschnys Boris Godunow, findet für den Attila auch im Gesang die richtige Mischung aus Macho-Pose und Belcanto-Verletzlichkeit. Gábor Káli interessiert sich mit der Staatsphilharmonie Nürnberg für staubtrockenen Swing und ein skelettiertes Klangbild, nicht immer sind allerdings Graben und Bühne optimal verzahnt.

Die Hauptrolle hat hier ohnehin ein anderer, der Chor des Staatstheaters in der Einstudierung von Tarmo Vaask. Es ist einer der Abende, an denen Peter Konwitschnys Arbeit als Motivator ins Auge springt – und wieder einmal bewiesen wird: Am besten, genauesten gesungen wird immer, wenn die Belegschaft mit Spaß und Leidenschaft bei der Sache ist. Die Fahrt nach Franken drängt sich also geradezu auf.

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