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Peter Konwitschny inszeniert Straus: Mit den Waffen der Operette

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Liebeswerben à la Schweiz: Bumerli (Daniel Prohaska) hat für Nadina (Sophie Mitterhuber) Toblerone dabei. © Foto: Christian Pogo Zach

Wie andere könnte man sich über die Operette lustig machen. Oder man nimmt den „Tapferen Soldaten“ so ernst wie Peter Konwitschny bei seinem späten Debüt am Gärtnerplatz.

München - Oscar Straus, der mit den gleichklingenden Walzerkönigen weder verwandt noch verschwägert war, hatte zeitlebens ein inniges Verhältnis zu München, speziell zum Gärtnerplatztheater. Warum also nicht eines seiner weitgehend in Vergessenheit geratenen Werke hier mal wieder aufführen? „Der tapfere Soldat“ basiert handlungsgetreu auf der Komödie „Helden“ von George Bernard Shaw, allerdings ohne auch nur annähernd an deren feines sprachliches Niveau heranzureichen. So bleibt nur eine schmale, dramaturgisch arme Handlung, ohne großen Spannungsbogen oder raffinierte Wendungen.

Eine vertrackte Sache also für das späte Regiedebüt von Peter Konwitschny an diesem Haus. Er, längst Ikone des Regietheaters, hat sich dieses Stück nicht ausgesucht; er hat es als Herausforderung angenommen. Das Starke dabei ist: Er nimmt das Genre ernst. Wie leicht wäre es gewesen, die Operette zu desavouieren, den Stoff destruktiv und plump als große Kritik am Krieg umzumodeln, ihn mit erhobenem Zeigefinger als mahnenden Lobpreis des Pazifismus zu behandeln.

Kitsch wird gebrochen, Klamauk ist erlaubt

Konwitschny tut das nicht. Das Zerstörerische des Krieges zeigt er weitgehend nicht im Grauen, sondern in kleinen Gesten. Im ersten Akt steht nur ein Bett auf der Bühne (Ausstattung: Johannes Leiacker) als Symbol für häuslichen Frieden, familiäre Geborgenheit, Ort der Intimität. Dieses Bett verwüsten Chorherren als heranrobbende Soldaten und bringen es schließlich, ein garantierter Lacher, zum Einbruch. Später wiederholen sich die Bilder, als eine in Reih und Glied stehende Blumenwiese von der Soldateska zerpflügt wird, während die Damen des Chores fähnchenschwingend jubeln. Konwitschny arbeitet solche Dinge handwerklich hervorragend heraus, die Darsteller werden zu Individuen. Mit großen Schnurrbärten und plakativen Husarenuniformen wird jeder K.u.k.-Kitsch ironisch gebrochen. Auch Klamauk kann Konwitschny: Wenn der ausgehungerte Bumerli die Würste in den Mund geschoben bekommt, wenn Alexius aus dem Hochzeitszylinder ein Plüschkaninchen zieht, ist das lustig, aber auch immer Karikatur. Die Protagonisten führen den Witz vor, nie wird so getan, als passiere er pseudo-spontan. Das so subtil hinzubekommen und jeder Marika-Rökk-Klamotte zu entgehen, ist eine Leistung.

Das gesamte Ensemble erweist sich dabei als singdarstellerisch exquisit. Allen voran Sophie Mitterhuber, die ihre Nadina in jedem Charakterzug glaubhaft anlegt und den einzigen Hit des Abends „Komm, Held meiner Träume“ betörend schön singt. Als im dritten Akt dann doch Längen drohen, zieht Konwitschny mit einer fein arrangierten Zeitlupennummer den Aufmerksamkeitspegel wieder hoch. Maximilian Mayer ist als fescher Alexius ideal besetzt. Der Charmebolzen und Sympathieträger Bumerli ist bei Daniel Prohaska in besten Händen. Er meistert den Drahtseilakt, der Figur einen leicht schwyzerdütschen Akzent zu geben, ohne dabei zu übertreiben. Bumerlis Waffe ist die Schoki, maximal noch Eisbomben und Granatsplitter. So erobert man die Frauenherzen.

Die Sänger werden leider mit Mikroports verstärkt

Sehr irritierend ist, dass alle Sänger mit Mikroports hörbar verstärkt werden. Chefdirigent Anthony Bramall führt mit dem Gärtnerplatzorchester vor, dass die Partitur über weite Strecken fein instrumentiert und auch reich an melodischen wie harmonischen Einfällen ist. Freilich lässt er das Orchester an spätromantischen Stellen auch saftig klingen, aber das allein kann nicht der Grund für die Verstärkung sein. Hoffentlich ist es keine Kapitulation vor der Akustik des Hauses. Gerade bei einer so kantablen Operette und einem starken Ensemble muss der Anspruch ein anderer sein.

Zum Schluss hat Konwitschny eine Überraschung in petto. Vielleicht traute er sich und seiner operettenkonformen Inszenierung doch nicht ganz über den Weg, denn er verweigert das Happy End. Bumerli ist kein reicher Hotelierssohn wie im Original, sondern Spross des größten Schweizer Waffenfabrikanten. Der gute Pazifist, der einzig für die Liebe kämpft, entpuppt sich doch als böser Kriegstreiber, nicht besser als alle anderen „tapferen“ Soldaten. Nadine verlässt enttäuscht die Bühne, während die Kriegsprofiteure umgeben von Versehrten und untermalt von Bombeneinschlägen walzerselig den Schampus kreisen lassen. Eine Volte, die etwas bemüht wirkt und vielleicht Grund für vereinzelte, zaghafte „Pflicht-Buhs“ gegen Konwitschny sind, die aber im kurzen, starken Applaus für ihn und alle Beteiligten untergehen.

Von Maximilian Maier

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