Interview zum 70. Geburtstag

„Ich bin ein Kind geblieben“

  • schließen

München - Opernregisseur Peter Konwitschny, Wahrheitssucher und Verstörer, feiert heute seinen 70. Geburtstag. Ein Interview:

So bedingungslos wie er liebt kaum ein anderer Regisseur die Oper. Ein Wahrheitssucher, der gerade deshalb verstört. Kein anderer hat in den vergangenen drei Jahrzehnten die Inszenierungsgeschichte so geprägt wie Peter Konwitschny. An der Bayerischen Staatsoper erlebte der in Leipzig Aufgewachsene seinen internationalen Durchbruch, 1995 mit Wagners „Parsifal“, und einen seiner größten Probenkräche, 1998 mit „Tristan und Isolde“. Konwitschny, der heute seinen 70. Geburtstag feiert, lebt mittlerweile in der Oberpfalz. Im Sommer debütiert er in Salzburg mit Rihms „Die Eroberung von Mexico“.

Fühlen Sie sich als Angehöriger einer aussterbenden Spezies, nachdem die Schauspielregisseure in der Oper überhand genommen haben?

Überhaupt nicht. Ich fühle mich als einer der ganz wenigen, die sich noch ernsthaft um die Stücke bemühen. Die Schauspielregisseure haben ein Problem: Sie machen meist die Rechnung ohne den Wirt, nämlich ohne die Musik. Die kommt ja nicht dazu, von ihr geht vielmehr alles aus. Da sind viele vollkommen hilflos. Heutzutage ist es außerdem so: Wenn man die ethischen Botschaften eines Stücks zu deutlich inszeniert, reagieren die Leute verschnupft.

Wie kann das sein? Die Operngänger müssten zeitgemäße Stückbefragungen längst gewöhnt sein.

Dieses Publikum stirbt aus. Jetzt sitzen da Eventjünger ohne richtiges Hintergrundwissen. Boris Becker finde ich toll, doch so einer ist früher meines Wissens nicht in die Oper gegangen. Auch Angela Merkel fährt gern nach Bayreuth und fand kürzlich Wolf Biermann ganz nett. Vielleicht würde sie mich mittlerweile auch umarmen... Wobei ich zugebe: Alle darf man nicht über einen Kamm scheren.

Geht es denn gerade in Richtung einer neuen Kulinarik, eines zweiten Barockzeitalters?

Ja, aber das ist ein allgemeines Problem: Je weniger Perspektive die Menschen haben, desto mehr Kulinarik wird produziert. Schöne Bühne, schöne Kostüme – doch wie wär’s mal mit einer schönen Inhaltlichkeit? Diese Entwicklung resultiert nicht aus Desinteresse, sondern aus einer instinktiven Angst der Menschen zum Beispiel vor dem nächsten Crash. Eine Verdrängung, bei der das Theater helfen soll. Bei so etwas werde ich aggressiv. Viel wichtiger wäre es doch, der weltweiten Entwicklung ins Gesicht zu blicken.

Sie saßen in Leipzig als Chefregisseur an den Schalthebeln: ein Versuch, der nicht geklappt hat? Oder passt eine solche Leitungsfunktion prinzipiell nicht zu Ihnen?

Beides trifft zu. Es passt nicht ganz, weil ich eigentlich ein Kind geblieben bin. Ich brauche einfach eine Hand, die mich schützt.

Sind heute Sänger anders als früher, offener für Konzepte?

Als ich noch Anfänger war, gab es schon viele, die sich quer gestellt haben. Entweder, weil sie Frust hatten und den irgendwo loswerden wollten – also bei mir. Oder weil sie glaubten, dass ich einer dieser typischen Regie-Idioten bin. Das ist jetzt schon angenehm, dass mein Ruf für eine andere Bereitschaft sorgt. Das Zentrale ist doch: Man muss für Begeisterung sorgen. Vor allem müssen die Sänger gern miteinander spielen. Stars spielen ja oft nebeneinander, sogar gegeneinander. Wenn die dauernd in der Weltgeschichte herumreisen und für maximal zwei Probenwochen kommen, können sie sich doch gar nicht auf den Bühnenpartner einlassen.

Einer Ihrer größten Kräche war bei „Tristan und Isolde“ in München.

Da gab es eben die Auseinandersetzung mit Waltraud Meier. So einen Probenprozess möchte ich nicht noch einmal erleben. Ich würde heute anders reagieren. Ich würde heute sagen: „Entweder Ihr macht das mit Frau Meier oder mit mir. Ich hätte den damaligen Intendanten Peter Jonas nicht nachts um eins anrufen sollen, um mein Leid zu klagen. Ich hätte am nächsten Tag um zehn ins Haus kommen sollen und sagen: Sie haben zwei Leute engagiert, die inkompatibel sind. Das geht nicht. Und warum habe ich das nicht gemacht? Weil ich Angst hatte, dass ich rausfliege. Ich wollte ja mit den Stars zusammenarbeiten. Und dadurch habe ich mir wieder so eine depressive Phase eingehandelt. Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht gewünscht bin. Eine Kindheitserfahrung, die da wieder hoch kam.

Fühlen Sie sich als Rufer in der Wüste? Ihr Vorteil ist: Anders als Kabarettisten, die vor einem einverstandenen Publikum spielen, erreichen Sie auch andere.

Inzwischen sehe ich das genauso. Das wäre ja langweilig, wenn alle nur einer Meinung wären. Obwohl: Es würde mir lieber sein, die Leute schreien Buh, weil sie etwas Substanzielles entgegenzusetzen haben. Ich habe absolut nichts gegen intelligente Auseinandersetzungen.

So, wie Sie Frauenfiguren inszenieren, könnte man Sie als größten Frauenversteher im Regiestuhl bezeichnen.

Ich bin groß geworden in einem Umfeld, in dem der Mann führte, die Frau diente und alles schlucken musste. Später hatte ich einige Schwierigkeiten mit Freundinnen und wusste nie, warum es erst superschön war und plötzlich nicht mehr. Als ich 35 war, begann ich eine lange Beziehung mit einer wunderbaren, starken Frau, die zehn Jahre älter als ich war. Sonst hatte ich mich eher immer für schwache Frauen interessiert. Und diese Freundin nun hat sich manches nicht bieten lassen. Wir haben damals intensiv über die Werke gesprochen, die ich inszenierte. Diesen Blick für Frauenfiguren habe ich wohl ihr zu verdanken.

Vor dem Hintergrund Ihrer Erfahrung und Befürchtungen: Wie geht es mit dem Theater weiter?

Die globale Kraft geht hin zum Event, zum Bestaunen, zur Ablenkung, weg von den Botschaften. Dialektisch gesehen ist es ganz klar, dass sich dazu eine Gegenkraft bildet – da kann ich übrigens auch auf einige meiner Schülerinnen und Schüler vertrauen. Es gibt Leute, denen immer klarer wird, wie toll die Werke sind, ohne dass man sie eventisiert und dass man sie mit einer klugen Befragung und Freilegung ihrer Botschaften auch schützt. Nur: Mehr Geld haben natürlich die Eventarier…

Wie sieht also die Theaterlandschaft in fünfzehn, zwanzig Jahren aus?

Ich würde gern noch weitermachen. Ich bin dann wahrscheinlich Generalintendant aller deutschen Bühnen…

…von denen es nurmehr drei oder vier gibt…

(Lacht.) Das ist jetzt bös’. Im Ernst: Mich sprechen viele Leute darauf an, warum ich immer alles so negativ sehe, den Untergang der Kultur beklage, dagegen aninszeniere und trotzdem spaßig dabei sein kann. Vielleicht hängt das mit Hoffnung zusammen. Es war nie so, dass der Blick auf die katastrophale Lage bei mir verbunden war mit selbstauslöschenden Gedanken. Vielleicht ist es umgekehrt: Der Lebenswunsch manifestiert sich umso mehr im Angesicht der Bedrohung. Wir haben es außerdem noch ziemlich nötig, Inhalte zu transportieren. Es ist also noch zu früh, die Oper abzuschaffen.

Der 85-jährige Nikolaus Harnoncourt sagt, ihm sei es egal, ob da eine Vier, Fünf oder Sechs am Ende seiner Altersangabe stehe. Und Ihnen? Neun, Null oder Eins, spielt das eine Rolle?

Ich vergess’ das auch über weite Strecken. Oft habe ich den Eindruck, ich bin so alt wie die anderen, mit denen ich zu tun habe. Dummerweise sind das alles Vierzigjährige… Ich find’s halt schade, dass irgendwann wirklich Schluss ist. Das sollte man nicht verdrängen, das wäre gefährlich. Trotzdem wäre ich manchmal gern ein Tier, das nicht weiß, dass das Leben endlich ist. Theater ist da zum großen Teil Therapie. Man baut Ängste kollektiv ab, in dem man grauenhafte Situationen aufbaut. Ist doch wunderbar, oder?

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Rea Garvey auf dem Tollwood: Glücklichsein ist so einfach
Von Jung bis Alt können sich die meisten Musik-Fans auf Rea Garvey einigen. Woran das liegt, zeigt er bei seinem Auftritt auf dem Tollwood. Die Nachtkritik.
Rea Garvey auf dem Tollwood: Glücklichsein ist so einfach
Jonas Kaufmanns Otello: Nur ein Seitensprung
Diesem Debüt hat die Opernwelt entgegengefiebert: Jonas Kaufmann singt in London erstmals die Titelrolle von Verdis „Otello“. So ganz passt die Partie nicht zu ihm.
Jonas Kaufmanns Otello: Nur ein Seitensprung
Verschwitzte Sommernacht mit „The Whiskey Foundation“ im Strom
Verschwitzte Sommernacht mit „The Whiskey Foundation“ im Strom
Glut in der Zwiebel
Zum Auftakt des Münchner Filmfests wird der erste Dokumentarfilm über Bud Spencer uraufgeführt.
Glut in der Zwiebel

Kommentare