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Wird am Dienstag 75 Jahre alt und ist – zum Glück – kein bisschen leise: Peter Kraus hat gerade ein neues Album aufgenommen.

Merkur-Interview

Peter Kraus: "Hatte immer einen Dickschädel"

München - Peter Kraus feierte am 18. März dieses Jahres seinen 75. Geburtstag – ein Gespräch über das Älterwerden, seine neue CD und das Aufhören. Seine eigenen Platten hat Kraus nicht zuhause.

Entspannt schlendert er den Gang herunter, sein Händedruck ist kräftig, das Strahlen gewinnend. Wer Peter Kraus begegnet, kann sich kaum vorstellen, dass er am Dienstag tatsächlich 75. Geburtstag feiert. Am Freitag bringt Kraus sein neues Album „Zeitensprung“ (Electrola) heraus – und tourt damit durch die Republik. Schließlich hält Rock’n’Roll jung.

Später wird Kraus verraten, dass er, wenn er zuhause mal zum Musikhören kommt, am liebsten auf dem Trampolin im Takt mitspringt. Zu Beginn unseres Gesprächs machen wir daher mit dem Mann, der 1939 als Peter Siegfried Krausnecker in München geboren wurde, einen großen Sprung zurück.

Passend zum Titel Ihrer neuen CD würde ich gern mit Ihnen zum „Zeitensprung“ ansetzen – und habe dazu einige Schallplatten vom Beginn Ihrer Karriere dabei. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die heute sehen?

(Schaut sich die Plattencover lange an, liest einige Liedtitel vor.) „Kitty-Cat“, „Hafen-Rock“, „Sweety“, „Blue Melodie“, „Silvermoon“ (Seufzt.) Tja, was löst das bei mir aus? Ist das eine echte Polydor-Platte?

Ja.

Die wurden später ja wiederaufgelegt. Super. (Entdeckt einen Titel.) „Ein junges Herz“ – das ist eine schöne Nummer. Ich habe so wenig Überblick über das, was ich gemacht habe. Ich hab’ die Platten auch nicht zuhause.

Ich schenke sie Ihnen.

Nein! (Lacht.) Wenn ich was brauchen sollte, dann hat das ja das Peter-Kraus-Museum bei mir in Zürich. Ich habe zuhause gar keinen Platz. (Schaut sich wieder die Liedtitel auf den Platten an.) Ich überlege, welchen Song davon wir in der nächsten Show spielen müssen. (Pause.) Was löst das aus? (Pause.) Stolz, ja. Ja? Ja! Freilich freue ich mich, dass ich seit so vielen Jahren populär bin.

Es gibt nicht viele Künstler, die auf eine so lange Karriere zurückblicken können. 1956 hatten Sie Ihren ersten Auftritt als Sänger und Musiker. Das ist fast 60 Jahre her.

(Lacht.) Ich bin nicht gut im Rechnen. Aber genau 60 Jahre ist mein erster Film her: 1954 spielte ich im „Fliegenden Klassenzimmer“ nach Erich Kästner.

Irgendwas müssen Sie also richtig gemacht haben.

Das liegt am Ehrgeiz und am Spaß. Beides hatte ich bereits als junger Mensch. Alles, was ich gemacht habe, habe ich bestmöglich und mit Überzeugung gemacht. Ich habe wirklich versucht, nur das zu tun, was mir wirklich Spaß macht. Das ist mir logischerweise nicht immer gelungen. Auch ich habe irgendwann mal was machen müssen – aber nicht mehr in den vergangenen 20 Jahren. Wenn man macht, wozu man Lust hat, ist man erfolgreich. Denn die Leute spüren das. Es ist aber auch nicht ganz einfach, das Glück zu haben, machen zu können, was man gerne tut. Gerade in dieser Branche.

Wie wichtig ist es, ein Sturschädel zu sein und sich durchsetzen zu können?

Du brauchst einen Dickschädel und Sitzfleisch, um abwarten zu können. Und du brauchst einen gewissen Rückhalt: einen finanziellen, den ich immer hatte, weil ich mein Geld beisammen hielt, und natürlich brauchst du ein glückliches Umfeld. Man braucht also das, was ich hab’. (Lacht.)

Gibt es heute auch Momente, in denen Sie sich alt fühlen?

Nein. Vielleicht kurzfristig in der Früh, wenn ich aus dem Bett rauskrieche. Aber nach ein paar Übungen bin ich fit. Logischerweise kommen im Alter die winzigen Wehwehchen.

Und bezogen auf das Musikgeschäft? Verfolgen Sie, was sich da tut?

Manchmal schaue ich aus Interesse. Aber mit dem, was ich mache, bin ich unabhängig. Ich muss eigentlich nur schauen, dass ich meinem Publikum etwas Neues biete. Wenn ich es mir einfach machen und nur das runtersingen würde, was die Leute gerne hören, könnte ich nicht so viele Tourneen machen. Die erfolgreichen Musiker machen das auch nicht: Ein Udo Jürgens könnte zum Beispiel drei Stunden Hits singen. Er wird sich aber hüten und sich stattdessen Neues einfallen lassen, um die Zuschauer zu überraschen. Das ist wichtig. Natürlich singe ich auch „Sugar Baby“ oder „Kitty-Cat“ – aber das mache ich dem Publikum zuliebe. Das ist meine Visitenkarte, die ich aber dennoch zu variieren versuche: mal unplugged, jetzt vielleicht mit Chor…

Weil Sie gerade Ihr Publikum erwähnen: Bei Ihrem jüngsten Konzert in München hatte ich den Eindruck, dass von 16 bis 86 Jahren alle Altersstufen vertreten waren.

Das ist das Ziel. Darauf lege ich es an. Ich habe zum Beispiel gemerkt, dass ich durch Selbstironie die jungen Leute begeistern kann. Was sie dagegen überhaupt nicht mögen, ist Eitelkeit.

Ist es Ihnen auch deswegen gelungen, nie zur Witzfigur zu werden?

Ja, das kann dir schnell passieren. Selbstironie schützt – irgendwie kriegen wir das immer hin.

Auf „Zeitensprung“ interpretieren Sie aktuelle deutsche Hits im Stil der Fünfzigerjahre. Wie kam es dazu?

Die Idee ist nicht von mir. Die Gruppe The Baseballs ist Produzent der CD. Die Baseballs wollten etwas auf Deutsch machen – dann ist ihnen eingefallen, dass von den deutschen Sängern noch einer lebt: ich. (Lacht.) Und ich war sofort begeistert. Ich wollte Künstler würdigen, die sich um die deutsche Musik verdient gemacht haben. Ich denke, wir haben eine gute Auswahl getroffen.

Haben sich die Prinzen schon bei Ihnen bedankt, weil deren furchtbares Lied „Alles nur geklaut“ in Ihrer Version so viel besser ist?

(Lacht herzlich.) Wir sind mit der CD verdammt knapp fertig geworden. Dann musste die Plattenfirma von allen Interpreten und Rechteinhabern die Genehmigungen einholen. Jetzt warte ich in aller Ruhe ab. Wenn die CD ein Erfolg wird, bahnt sich vielleicht einiges an.

Zum Beispiel?

Eine Zusammenarbeit mit den Künstlern. Es wäre doch lustig, wenn jemand eine alte Nummer von mir rappt. Ich warte, was passiert. Das zum Thema „Aufhören“.

Stimmt! Hatten Sie nicht angekündigt, dies sei Ihre Abschiedstour?

Ja. (Schmunzelt.)

Das glauben Ihnen Ihre Fans aber nicht.

Stimmt. Die glauben das wirklich nicht. Ich krieg’ schon Briefe! Das freut mich freilich. Aber eine Tournee will ich eigentlich wirklich keine mehr machen. Es ist halt eine blöde Situation: Ich will gern auch privat noch ein bisschen was erleben – und nicht irgendwann dastehen und sagen müssen: Mensch, hättest du früher aufgehört, hättest du viel mehr Zeit mit dem verbringen können, was du gern machst und liebst. Hättest ausbauen können, was dir am Herzen liegt. (Pause.) Es ist immer eine blöde Situation.

Sind Sie ein Mensch, dem Gedanken an die eigene Endlichkeit im Kopf rumspuken?

Nicht rumspuken. Aber von Zeit zu Zeit setzt man sich schon mal hin, zündet sich ein Pfeifchen an und denkt kurz darüber nach. Es ist aber nicht so, dass mich das belastet. Aber es hat mich jetzt zu der Entscheidung gebracht, nicht mehr so viel touren zu wollen. (Lacht.) Darf ich Ihre Platten noch mal sehen?

Gerne.

„Ein Kerl wie ich“ – das war ein schönes Album. Ich muss nochmal schauen, was wir in unser neues Programm nehmen.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

Peter Kraus spielt am 27. und 28. Oktober, jeweils 20 Uhr, in der Münchner Philharmonie. Karten unter der Telefonnummer 01805/ 60 70 70.

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