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Da ist er wieder: Peter Maffay sitzt mit einem Plüsch-Tabaluga vor seinem Bürohaus in Tutzing.

Interview mit Peter Maffay

Tabaluga: Kleiner Drache – große Zukunft

Tutzing - Peter Maffay spricht im Interview über sein neues „Tabaluga“-Album, die Erinnerungen an die Flucht mit den Eltern und seine Hilfsprojekte.

Tabaluga als Fußabstreifer. Auf unzähligen Bildern an Bürowänden. In Plüsch im Studio zwischen vielen Gitarren. Auf Notizblöcken. Nur gut, dass Peter Maffay in seinem Domizil in Tutzing die Tabaluga-Requisiten nicht vorschnell weggeräumt hat. Denn nachdem der 66-jährige Deutschrocker mit seinem kleinen grünen Drachen bereits auf Abschiedstournee war, lässt er ihn jetzt wieder fliegen. Morgen stellt er das neue Album „Tabaluga – Es lebe die Freundschaft!“ (Kritik siehe Artikel rechts) in München vor, im Herbst 2016 folgt die Tour. Wir haben Maffay vorab in seinem Studio besucht.

Zuletzt ließen Sie es richtig krachen. Jetzt geben Sie wieder den Märchenonkel. Wie kommt‘s?

Weil wir die Verwertungsrechte vom belgischen Studio 100, früher EM-TV, für Tabaluga nach langem Tauziehen endlich zurückkaufen konnten. Jetzt geht’s erst richtig los.

Heißt?

Alle Einnahmen aus Tabaluga gehen – abgesehen vom Gehalt meiner 40 Mitarbeiter und so – in meine Stiftung, die hier und in Spanien rund 1200 traumatisierte Kinder pro Jahr unterstützt. Die Stiftung braucht im Jahr gut eine Million Euro. Dafür muss Tabaluga mit der Platte, Merchandising, der Tour und einem Film im Jahr 2017 arbeiten. Auch schon perspektivisch für die Zeit, in der der Motor Maffay ausfällt, damit dann nicht alles zusammenklappt.

Tabaluga ohne Maffay – ist das denn möglich?

Naja, mit Biene Maja oder Micky Maus lässt sich heute auch noch wirtschaften, damit könnte man gut eine Stiftung betreiben. Natürlich spielt Tabaluga in einer ganz anderen Liga. Aber ich glaube fest daran, dass man die Figur entnabeln kann. Die Geschichten sind mit einem anderen Team erzähl- und umsetzbar, auch in anderen Ländern. Gerade sind wir im Gespräch, das auf Rumänisch zu machen.

Jetzt kommt erst mal das neue Album. Darauf sind mehr prominente Gäste denn je zu hören.

Diese Zuwendung und Solidarität – Wahnsinn, oder? Noch dazu haben sich alle bereit erklärt, ihre relativ geringe Gage an irgendeinen wohltätigen Zweck zu koppeln.

Helene Fischer, Udo Lindenberg, „Bully“ Herbig, La Brass Banda, Jan Delay, Samy Deluxe – waren die alle hier in Tutzing im Studio?

Nur einige. Wir haben geskypt und uns Aufnahmen zugeschickt. Heutzutage alles machbar.

Sind alle Gäste live bei der Tour dabei?

So viel Geld haben wir nicht. Ein paar werden aber sicher – wie immer – auf der Tour auftreten. Wer, kann ich noch nicht sagen. Bei der Präsentation im kleinen Rahmen am Mittwoch im „Schloss“ in München wird Otto dabei sein, Alex Wesselsky von Eisbrecher. Uwe Ochsenknecht versucht es, Tim Bendzko, der eine große Affinität zu Tabaluga hat, kommt auch.

Thematisch geht es diesmal um Freundschaft. Wer ist Ihr bester, Ihr ältester Freund?

(Maffay holt aus dem Raum nebenan einen Bilderrahmen, zeigt das Foto.) Er, auch wenn er nicht mehr lebt: Fritz Rau. Mein Mentor, der mich übrigens beim ersten Anlauf abgelehnt hat. Ein väterlicher Begleiter, später gleichberechtigter Freund. Und Papa für Tabaluga. Ohne Fritz hätten wir ihn niemals auf die Bühne gebracht. Ich erinnere mich noch genau: Wir beide hatten wegen der aufwändigen Produktion Schiss davor – und letztlich Riesenerfolg.

Spielte die aktuelle Flüchtlingslage eine Rolle bei der Themenwahl?

Das Album ist ja keine marketingstrategische Geschichte. Aber Flüchtlinge hat es vor eineinhalb Jahren bereits gegeben, wenn auch in einer kleineren Dimension. Ich glaube also, dass das Thema Freundschaft schon auch ein Reflex darauf ist.

Sie selbst sind als Kind mit Ihren Eltern aus Rumänien nach Deutschland gekommen. Wie wurden Sie damals hier aufgenommen?

Mein Vater hat in Waldkraiburg am Inn schnell Arbeit als Automechaniker gefunden. Ich bekam das erste Mal ein eigenes Zimmer. Und ein Fahrrad! Wir gingen bei Tengelmann einkaufen und hatten die Wahl zwischen verschiedenen Würsten. Große Sprünge waren nicht drin, aber für uns war schon das ein unglaublicher Salto nach oben. Und dann sagte mein Vater: „Wir gehen ein Auto kaufen.“ Wahnsinn! Ein Auto bedeutete für uns Freiheit. Es wurde ein gebrauchter Ford 17 M.

Sind all diese Erinnerungen Grund für Ihre Hilfsbereitschaft? In Rumänien bauen Sie momentan ein ganzes Dorf…

Sicherlich. (Maffay deutet auf eine Grundriss-Karte von seinem in Rumänien entstehenden Dorf.) Alle gelb schraffierten Flächen markieren Projekte, die wir da unten machen – ein Ärztehaus, Werkstätten, ein Gästehaus, Brunnen, ein Ökohof. Nächstes Jahr wollen wir unser Begegnungshaus umbauen, weil wir merken, dass der Dialog mit den Sinti und Roma im Dorf ein komplizierter ist. Dazu haben wir in Kooperation mit anderen Stiftungen im Januar ein Tabaluga-Haus zur Bildung in Rio eröffnet, nächstes Jahr folgt eines in Havanna. Wenn ein solcher Schutzraum in Syrien überleben könnte, würde ich auch dort gerne etwas realisieren.

Sie sind also der Meinung, man sollte viel mehr in den Herkunftsländern tun, damit die Menschen von dort erst gar nicht fliehen?

Genau. Hilfe zur Selbsthilfe. Niemand auf dem Balkan und in allen Problemländern geht gerne aus dem Dorf, in dem er seine Verwandten hat, wenn er eine Perspektive sieht. Zudem ist es eine Illusion, dass wir eine weitere Million Menschen aufnehmen können. Wir schaffen das jetzt noch, wie die Kanzlerin sagt, aber nicht auf Dauer. Die gesellschaftliche Radikalisierung wird eher voranschreiten. Was nicht heißt, dass wir jedem helfen müssen, der in Syrien seine nackte Haut rettet und zu uns kommt. In dem Zusammenhang spielt auch unser entstehender Film eine Rolle.

Inwieweit?

Er soll helfen, Tabaluga auf dem internationalen Markt zu etablieren, unserer Stiftung weitere Türen, Verbindungen für neue Häuser und Tabaluga-Zellen weltweit zu öffnen. Deshalb wird er auch auf Englisch synchronisiert.

Klingt ehrgeizig.

Natürlich holen wir uns dafür Leute, die wissen, wie das wirklich geht. Mein Partner heißt Helge Sasse (Er war etwa Produzent der Filme „Goethe!“ und „Der Koch“; Anm. d. Red.). Der produziert den Film, ein Animationsfilm mit Musik. Aber klar mischen wir mit und passen auf, dass Tabaluga grün bleibt.

Das Gespräch führte Marco Mach.

Peter Maffay: „Tabaluga – Es lebe die Freundschaft!“ (Sony).

Das Rockmärchen ist live vom 14. bis 16. Oktober 2016 in der Münchner Olympiahalle zu erleben, es gibt Abend- und Nachmittagsvorstellungen; Karten unter Telefon 018 05/ 60 70 70.

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