Petersburger Kartoffelsalat

- Die Interviewte ist normalerweise die Interviewende: Vor einem Monat hat die junge Autorin Lena Gorelik (geboren 1981) ihren Abschluss an der Münchner Journalistenschule gemacht und anschließend mit dem Aufbau-"Elitestudiengang Osteuropa" begonnen.

<P>Nebenbei hat sie ihr fröhlich-leichtes Debüt "Meine weißen Nächte" (SchirmerGraf Verlag, 288 Seiten, 18,80 Euro) geschrieben, das sie heute um 20.30 Uhr in der Buchhandlung Lehmkuhl vorstellt (Leopoldstraße 45, Info: 089/ 38 01 50 11, Eintritt frei). Ein Stück weit ist es ein autobiografischer Roman: Die rahmende Liebesgeschichte sei zwar erfunden, aber die Erinnerungen an die russische Kindheit seien ihre eigenen, sagt Gorelik.</P><P>Doch wie viel Lena Gorelik steckt in ihrer Ich-Erzählerin Anja?<BR><BR>Gorelik: Ich bin nicht hundertprozentig Anja, aber ich glaub', von jedem Schriftsteller ist - zumindest, wenn er in der Ich-Person schreibt - was drin, da kommt man gar nicht dran vorbei. Mit Sicherheit ist Anja manchmal ich, oder ich bin manchmal Anja. Vielleicht ist Anja so'n bisschen das übertriebenere Ich, manchmal ist sie auch untertrieben.<BR><BR>Sie und Ihre Familie sind 1992 als "Kontingentflüchtling" nach Deutschland gekommen. Was war der Auslöser, nach zwölf Jahren Ihre Erinnerungen an St. Petersburg aufzuschreiben?<BR><BR>Gorelik: Ich wollte schon immer schreiben und habe mich dann vor einem Jahr für den Manuskriptum-Kurs von Tanja Graf und Sten Nadolny beworben - als Motivation zum Schreiben, denn unter Druck kann ich am besten arbeiten. Da sind auch viele Geschichten entstanden, die ins Buch eingeflossen sind. Und irgendwann kam die Idee, ich könnte ja weiter schreiben. Als Kind wollte ich immer Romane schreiben. Ich hatte dann so Listen mit: Wie heißt das Buch, wie viel Kapitel hat es, und wie heißt jedes Kapitel? Viel weiter bin ich nie gekommen.<BR><BR>Wie ging es dann jetzt mit dem echten Roman voran?<BR><BR>Gorelik: Ich hatte ein paar Geschichten, die den Rahmen vorgegeben haben. Aber ich wusste bis zum Schluss nicht, wie's endet, hab' einfach drauflos geschrieben. Kurz vor Manuskript-Abgabe hatte ich dann ganz viele Vokabelkärtchen mit meinen Kapiteln. Ich hab' die Möbel an die Wände gerückt und saß dann zwei Tage, hab' Kärtchen hin- und her geschoben, mir überlegt, wo man noch Verbindungsstücke schreiben müsste - und mir den Schluss für den Schluss aufgehoben.<BR><BR>Was sind Ihre "Weißen Nächte"?<BR><BR>Gorelik: Ich hab' die weißen Nächte in St. Petersburg nie gesehen, weil ich zu klein und da schon im Bett war. Für mich ist die Zeit in St. Petersburg einfach die Zeit der weißen Nächte. Die Dinge, an die ich mich erinnere aus St. Petersburg, und das sind mit Sicherheit nicht die Sehenswürdigkeiten und auch nicht die weißen Nächte und was man sonst noch so kennt. Sondern es ist der Kartoffelsalat, es ist die große Eisdiele, die hieß "Frosch", und alles war grün, mit dem besten Eis der Stadt; sonntags ist mein Vater mit mir dahin - solche Sachen. Kleinigkeiten wie ins Theater gehen oder Hochhäuser. Wenn ich jetzt Plattenbauten sehe, dann geht mir das Herz auf, das ist so heimatlich.</P><P>"Deutschland ist bunt, fröhlich und entspannt."<BR>Lena Gorelik<BR><BR>Gibt es nun in Deutschland auch solche "Weißen Nächte" oder ist es nur "bunt", wie Sie im Roman schreiben?<BR><BR>Gorelik: Ich weiß nicht. Mittlerweile ist Deutschland einfach Deutschland, es ist mein Land, und ich kann's einfach nicht mit Abstand sehen. Aber würde ich jetzt einen Vergleich ziehen müssen, würde ich sagen: Deutschland ist einfach immer noch sehr bunt - fröhlich und entspannt. Petersburg oder Russland sind anstrengend.<BR><BR>Anja will alles Russische aus ihrem neuen deutschen Leben ausgrenzen. Sie haben vor Ihrem eigenen Roman Ruben Gonzalez Gallegos "Weiß auf Schwarz" aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt. Mit welchem Gefühl?<BR><BR>Gorelik: Das war sehr komisch, weil ich eigentlich nichts auf Russisch lese, überhaupt keine russischen Freunde in München habe und Russisch nur mit meiner Familie am Telefon spreche. Ich bin auch gleich zu Hugendubel und hab' mir das größte Langenscheidt-Lexikon Russisch-Deutsch gekauft, das es gab. Es war gut, sich mit der Sprache zu beschäftigen, aber es war nicht wie ein Übersetzen aus meiner Muttersprache. Irgendwann entdeckte ich dann überraschend, dass ich ein viel besseres Gefühl für diese Sprache habe, und hab' auch angefangen, mehr auf Russisch zu lesen.<BR><BR>Sind Sie mal nach Russland zurückgekehrt?<BR><BR>Gorelik: Ich bin nur einmal vor zehn Jahren da gewesen; ich nehme es mir jedes Jahr vor, dann fehlt die Zeit. Aber jetzt sieht es auch so ganz anders aus als das, was ich in Erinnerung habe.</P><P>Das Gespräch führte Teresa Grenzmann <BR></P>

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