+
„Ich habe überlegt, welche Wörter ich nett, erhaltenswert oder skurril finde. “ Autorin Petra Cnyrim aus München hat für uns ein paar davon an die Tafel geschrieben.

Welche fast vergessenen Wörter kennen Sie noch?

Vergessene Wörter: „Bei Backfisch dachte ich an Fischstäbchen“

Fanden Sie es noch dufte, zum Schwofen zu gehen? Haben Sie Musik auf Schallplatte oder im Walkman gehört? Dann kennen Sie Begriffe, die vom Aussterben bedroht sind. Petra Cnyrim, 41, aus München hat für „Das Buch der fast vergessenen Wörter“ viele solcher Ausdrücke gesammelt.

Eiderdaus, Backfisch oder blümerant: Wie sind Sie auf diese Wörter gestoßen?

Petra Cnyrim: Viele dieser Begriffe sind immer mal wieder in meinem Leben aufgetaucht. Das fing schon früh an. Meine Mutter ist Krankengymnastin. Sie hat mich als Kind zu ihren Patienten mitgenommen, überwiegend ältere Menschen. Die haben alte Redewendungen und Ausdrücke verwendet, die ich teilweise gar nicht verstanden habe. Ich habe aber gemerkt: Das sind Begriffe, die kaum noch benutzt werden. Das hat mich fasziniert. Und ich mag auch gerne alte Filme aus den 1950er- und 1960er-Jahren, zum Beispiel mit Audrey Hepburn und Grace Kelly, oder auch deutsche Heimatfilme mit Uschi Glas. Die Sprache ist so schön nostalgisch, es ist noch „himmlisch“, Mädchen werden als „Backfisch“ bezeichnet, es gibt „Fräuleins“...

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, diese Wörter zu sammeln und als Buch herauszubringen?

Cnyrim: Ich dachte mir, man muss ein paar dieser vom Aussterben bedrohten Begriffe aufschreiben und sammeln. Denn wenn sie erst einmal aus dem alltäglichen Sprachgebrauch rausfallen, verschwinden sie irgendwann ganz. Ich habe einen fünfjährigen Sohn. Irgendwann habe ich ihm mal was von einer Telefonzelle erzählt. Der hat mich mit großen Augen angeschaut. Er kennt den Gegenstand nicht und kann deshalb auch mit dem Wort nichts anfangen.

Haben Sie als Münchnerin auch viele bairische Wörter gefunden, die vom Aussterben bedroht sind?

Cnyrim: Zum Beispiel „kommod“ oder „Sapperlot“ sind schon eher bairisch. Mein Schwerpunkt lag aber nicht so sehr auf Wörtern aus dem Dialekt. Ich bin zwar in Irschenberg aufgewachsen, also wirklich im bayerischen Voralpenland, aber ich habe mehr gesamtdeutsche Wörter gesucht.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Begriffe gesammelt?

Cnyrim: Das war reiner Zufall, und ich erhebe auf gar keinen Fall Anspruch auf Vollständigkeit. Als klar war, dass ich das Buch schreibe, habe ich alle Begriffe aufgeschrieben, die mir eingefallen sind oder die ich irgendwo gehört hatte. Ich habe überlegt, welche Wörter ich nett, erhaltenswert oder auch skurril finde. Es ist deshalb auch ein persönliches Buch, ein nostalgisches Erinnern.

Wo haben Sie den Schlussstrich gezogen?

Cnyrim: Das hat sich von selbst entwickelt. Ich habe die Begriffe alphabetisch geordnet und überlegt, wie lang die Erklärungen für die Begriffe jeweils sein sollen. Kurzzeitig hat es mich zwar beschäftigt, dass ich für Y kein Wort gefunden habe. Ich bin sicher, dass es da auch einen Begriff gibt. Aber ich wollte mit den Wörtern selbst etwas verbinden können und nicht zwanghaft irgendwas suchen.

Hier finden Sie eine Übersicht über die Wörter, die vom Aussterben bedroht sind.

Gab es da ein Aha-Erlebnis, einen Begriff, den Sie völlig anders verstanden hatten?

Cnyrim: Nein, es sind Begriffe, deren Bedeutung ich aus dem Bauch heraus schon irgendwie richtig eingeschätzt hatte. Aber es war sehr spannend, die Geschichten genau nachzulesen.

Gibt es einen Lieblingsbegriff?

Cnyrim: „Backfisch“ mag ich sehr gerne. Ich kann mich erinnern, dass mich mal eine ältere Dame so genannt hat, als ich noch Jugendliche war. Ich hatte sofort das Bild eines Fischstäbchens vor Augen und konnte mit dem Begriff nichts anfangen. Aber die Erklärung ist spannend. Backfisch kommt aus dem Englischen und bezeichnete ursprünglich zu kleine Fische, die wieder zurück, also auf Englisch „back“, ins Meer geworfen wurden. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurden so pubertierende Mädchen genannt. Das sind so witzige Wortschöpfungen, bei denen ich es schade fände, wenn sie verloren gingen.

Die „Grüne Witwe“ ist auch schön...

Cnyrim: Sie bezeichnete eine einsame Ehefrau, die tagsüber, wenn ihr Mann in der Arbeit war, an Hof und Haus gebunden war und kaum soziale Kontakte hatte. Der Begriff ist heute verschwunden. Interessant ist, dass er nicht ersetzt wurde. Zwar gab es vor einigen Jahren die amerikanische Fernsehserie „Desperate Housewifes“, in der es um genau solche isolierten und frustrierten Frauen ging. Aber im Deutschen gibt es keinen speziellen Begriff. „Grüne Witwe“ hat es mehr umschrieben und nicht gleich negativ bewertet, früher galt eben oft mehr Vornehmheit im Wort.

Haben Sie manche alten Begriffe wieder in Ihren Sprachgebrauch übernommen?

Cnyrim: Aus Spaß auf alle Fälle. Viele der Begriffe sind einfach nett und die Reaktionen sind so lustig. Manche verstehen es gar nicht, andere freuen sich, dass sie das Wort wieder einmal hören. Aber die meisten Ausdrücke sind nicht mehr zeitgemäß.

Für wen haben Sie das Buch geschrieben?

Cnyrim: Einerseits für die Generation, für die diese Wörter noch völlig normal war. Sie kann in Erinnerungen schwelgen. Aber auch für meine Generation ist vieles schon Nostalgie. Ich bin 1975 geboren, viele Wörter aus den Achtzigern sind vertraut. Natürlich ist das Buch aber auch für die Jüngeren interessant. Sie erfahren, wie früher gesprochen wurde.

Aus welcher Epoche sind die meisten Ausdrücke in Ihrem Buch?

Cnyrim: Es sind viele Wörter darunter, die bis in die 1970er-Jahre hinein benutzt wurden. Viele haben sich bis dahin lange gehalten und sind dann ausgestorben. Vieles wurde damals durch Anglizismen ersetzt, das war modern und im Trend: Joggen statt Dauerlauf, Single statt Junggeselle, Walkman statt Tonbandgerät. Lustig ist, dass manche Wörter, die damals neu eingeführt wurden, heute schon wieder Museumsstücke sind.

Leben Wörter heute kürzer?

Cnyrim: Die Sprache ist schon schnelllebiger geworden. Gerade Begriffe für technische Geräte wechseln einander ab, und es gibt immer wieder Neuschöpfungen. Eine Zeitlang hat man zum Beispiel gesagt: „ganz relaxed“, jetzt habe ich oft gehört: „chillaxed“. Das wird wahrscheinlich auch so eine Eintagsfliege. Die Jugendsprache wandelt sich eben ständig, aber das ist der Zeitgeist.

Interview: Aglaja Adam

Haben Sie auch ein kaum mehr gebräuchliches Wort, vielleicht sogar ein bairisches Wort, das Ihnen ans Herz gewachsen ist? Dann schicken Sie uns Ihr „fast vergessenes Wort“ und die Bedeutung des Wortes per E-Mail an blickpunkt@merkur.de Wir wollen so viele Begriffe wie möglich sammeln, die früher alltäglich waren, aber heute nur noch selten verwendet werden. Dazu brauchen wir Ihre Hilfe!

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Zum Tod von Jerry Lewis: Amerikas trauriger Clown
Zeit seines Lebens hat Jerry Lewis die Menschen zum Lachen gebracht. Diese Fähigkeit schien ihm angeboren zu sein. Dabei durchlebt auch der Komiker schwarze Stunden.
Zum Tod von Jerry Lewis: Amerikas trauriger Clown
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Die griechische Filmemacherin Athina Rachel Tsangari hat zum ersten Mal am Theater gearbeitet und für die Salzburger Festspiele in Hallein Frank Wedekinds „Lulu“ …
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen
Die Arena di Verona kämpft mit Affären und Finanznot. Hilfe verspricht man sich von einem Sanierungsplan - und einer Uralt-„Aida“.
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen
„Ein Hoch auf uns – Warum?“
Er ist Kapitän der Rockband Eisbrecher, deren neues Album „Sturmfahrt“ jetzt erscheint. Wir sprachen mit Alexander Wesselsky über die neue Platte, billiges Fleisch und …
„Ein Hoch auf uns – Warum?“

Kommentare