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Der Held auf Rheinfahrt: Stephen Gould als Siegfried.

Kirill Petrenkos „Götterdämmerung“

Glückliche Staatsoper

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München - Kirill Petrenkos „Götterdämmerung“ ist die genaueste Wagner-Deutung, die es aktuell gibt.

Den Jubel-Tsunami erträgt er noch immer kaum. Weist mit knappen Gesten und blass auf Sänger und Orchester. Das Publikum zusätzlich anstacheln? Lieber nicht. Der erste Münchner „Ring“ von Kirill Petrenko ist vorbei. Hoch und weit zurück greifen muss man nach dieser „Götterdämmerung“, um sie einzuordnen. Und das Schönste: All das Gewese um Konzepte verfängt bei Petrenko nicht. Weil er auf überwältigende Weise vorführt, dass zwei Dinge eben die allerwichtigsten bleiben – Handwerk und Partiturtreue. Eine Banalität? Wohl kaum, dafür gab es nicht nur hier sehr lange anderes zu hören.

Petrenkos „Götterdämmerung“ ist die genaueste, klangtrennschärfste, energiereichste Wagner-Deutung, die derzeit live zu erleben ist. Skrupulös in ihrer Detailarbeit, verblüffend in ihrem Bewusstsein für instrumentale und klangliche Verzahnungen und Verblendungen. Es ist wie der Besuch beim Optiker, wenn neue Gläser vors Auge gehalten werden: So hatte man die (Wagner-)Welt bislang noch gar nicht wahrgenommen. Erst jetzt, erst ohne den Bayreuther Deckel, unter dem Petrenko das Stück ja auch dirigiert, erfüllen sich die vielen kleinen und großen Klangwunder seiner Analysen.

Dem Bayerischen Staatsorchester, ohnehin mit dem Wagner-Gen gesegnet, ist dabei neue Schnellkraft zugewachsen. Am eklatantesten im zweiten Akt, der mit unerhörter Attacke gespielt wird. Sehr zügig ist Petrenkos „Götterdämmerung“, aber nie gehetzt. Und in den dankbaren Zwischenspielen, ob „Rheinfahrt“ oder „Trauermarsch“, gibt es kein Imponiergehabe, sondern frappierende, immer aus dem dramatischen Moment heraus gedachte Wirkungen.

Stärker als in Bayreuth auch die Sängerbesetzung: Stephen Gould, als Siegfried zum schweren Helden nachgedunkelt, dazu Hans-Peter Königs einschüchternder Hagen und Okka von der Damerau (Waltraute, erste Norn), die am Haus längst eine große Premiere verdient hätte. Mit etwas Abstand folgen Alejandro Marco-Buhrmester (Gunther), Anna Gabler (Gutrune) und Petra Lang (Brünnhilde), deren müheloses oberes Register nicht ganz die sonstigen unterbelichteten Töne wettmachen kann. Andreas Kriegenburgs Inszenierung, eine Mixtur aus ABM-Aktion für Statisten und szenischen Übersprungshandlungen, bleibt ein Ärgernis. Was Kirill Petrenko, siehe auch Bayreuth, also noch fehlt: ein Regiepartner auf Augenhöhe.

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