Ein Pfad für Gefühle

- Seine großformatigen Leuchtkasten-Dias "Eviction struggle" und "Fight on a Sidewalk" hängen in der Pinakothek der Moderne. Bereits vor sechs Jahren wurde er mit dem hoch dotiert Münchner Kunstpreis der Kulturstiftung der Stadtsparkasse ausgezeichnet. Sein Werk, seine "konzeptuelle Fotografie", gehört zum kunstgeschichtlichen Kanon der aktuellen Fotokunst. Jetzt präsentiert die Münchner Galerie Rüdiger Schöttle Jeff Wall aus Vancouver mit aktuellen Arbeiten. (Bis zum 18. Januar 2003, Amalienstraße 41, Tel: 089/ 22 36 86).

<P>Wie benutzen Sie das Phänomen Licht in Ihren neuen Werken? Führen Sie auch diesmal unsere Sehgewohnheiten mit handelnder, zeigender, atmosphärischer Beleuchtung hinters Licht?</P><P>Wall: Wissen Sie, Fotografieren ist für mich eine sehr alte Kunstform, und ich glaube, sie hat sich nicht verändert. Es gibt immer wieder die Ur-Probleme, Wahrheit zu zeigen: hinter der vermeintlichen Wahrheit oder eben doch durch die Realität. Wenn ich fotografiere, hat jedes Bild sein ganz eigenes Licht. Als ich zum Beispiel in "People on an overpass" Menschen über eine Brücke mit all diesen Sachen bepackt gehen sah, strahlte die Sonne hinter ihnen und auf mich. Aber das entsprach nicht meinem Gefühl, als ich sie wirklich beobachtete. Das Foto ist nun von vorne belichtet. Die Entscheidung, wie man ein Bild inszeniert, die Handhabung von Hell und Dunkel, ist fundamental.</P><P>Sie paraphrasieren hin und wieder Vorgaben aus der Kunstgeschichte und Literatur. . .</P><P>Wall: Das stimmt nicht ganz. Meine Bilder beziehen sich nicht wirklich auf spezifische Kunstvorlagen. Das tun sie äußerst selten. Aber sie sind interessiert an der Geschichte aller Bild-Kunst, der Kunst unterschiedlicher Medien: Gemälde, Zeichnung, Foto, Video und auch Filme. Bezugnahmen sind mir lediglich Hilfe, ein Urteil über aktuelle Projekte zu fällen.</P><P>Sie haben einmal von der Groteske in Ihren Arbeiten gesprochen. Wie verstehen Sie "grotesk"?</P><P>Wall: "Grotesk" hat für mich nichts mit fantastisch, verdreht oder mit Entstellendem zu tun. Wissen Sie, früher hat man das Schöne regelrecht poliert, in perfekter Manier. Später dann ging es um das Irreguläre, wie im wirklichen Leben. Das Groteske hatte zu tun mit dem Missgestalteten. In "People on an overpass" eilen Menschen mit Koffern, Taschen, Tüten bepackt einen Brücken-Weg entlang. So, als ob sie noch einen Flieger erreichen wollten. Ein Hauch von grotesk findet sich beim Gepäck, den voll gestopften Tüten der Frau vorne links. Hier passt etwas nicht zusammen. Und so repräsentieren sie den Verlust von Bildgestaltung. Groteske ist also kein spezielles Genre für mich. Es ist eine Pfad für Gefühle und zeigt Schaden auf. Und der sollte auch über die moderne Kunst transportiert werden.</P><P>Sie sind berühmt für Ihre akribisch vorbereiteten Alltagsszenarien. Gruben werden ausgehoben, Laienschauspieler stellen das Drama vor dem Drama. Das Resultat scheint ein Schnappschuss. Wie ist es diesmal in Ihren Stadtlandschaften?</P><P>Wall: Das ist ein über die Jahre hinweg von den Medien und Kunsthistorikern aufgebautes Klischee. Aber es stimmt nicht wirklich. Natürlich habe ich früher so gearbeitet und arbeite immer wieder auf diese Art. Doch das ist nicht alles. In erster Linie bin ich Fotograf, der entdeckt. Die im ersten Stock gehängten Arbeiten sind wirklich echt. Da ist nichts kreiert.</P><P>Was sagen Sie zu den Stichworten "Frozen Picture" und "dramatische Momentaufnahme"?</P><P>Wall: Ich glaube, jedes Bild erschafft etwas, was unsichtbar ist. Das ist nichts, was ich speziellen mache, das ist immer so. Die Sache ist die, dass man nicht sehen kann, was vorher war, was nachher sein wird. Aber das Wunderbare an Bildern ist, sie schließen so viel aus. Deswegen bin ich auch so oft vom Kino enttäuscht. Man zeigt uns immer genau das, was passiert. Man hat keine Freiheit im Kopf. Da sind Bilder anders. Und wenn man sie genießt und liebt, lebt man mit dem Erlebnis von Realitäten. Und wenn man will, kann man seine eigene Geschichte daraus machen.</P><P>Was fällt Ihnen zu der Kombination "Fakten und fantastische Inszenierung" ein, wenn Sie an Ihre Schwarzweiß-Fotografien denken?</P><P>Wall: Das darf ich Ihnen nicht verraten. Mein "Night Picture" ist echt dunkel. So etwas darf man nicht _ wie im Leuchtdia üblich _ von hinten illuminieren. Es geht darum, was Sie als Betrachter fühlen, wenn ein Paar wie Penner unter einer Brücke vor einer seeartigen, schwarzen Pfütze zusammengerückt ist.</P><P>Also doch Laienschauspieler?</P><P>Wall: Ertappt. Aber es geht um den Ausdruck. Ich hoffe, dass man denkt: Mensch, so sieht es wirklich aus. </P><P>Das Gespräch führte<BR>Melanie Klier<BR>Jeff Wall in München: Der kanadische Künstler vor seinem großformatigen Leuchtkasten-Dia "People on an overpass".Foto: Kurzendörfer<BR></P>

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