Auf den Pfaden der Liebe

- "Räum' auf, mach' Ordnung und sieh' nach dem Rechten", brummelt Argan alias Rudolf Wessely am Ende all der Turbulenzen um ihn, den "Eingebildet Kranken". Nun wesentlich milder als am Anfang, und auch Toinette alias Sibylle Canonica gibt ihm nur noch mit sanftem Tonfall heraus. Man pflegt halt ein liebgewordenes Ritual. Schließlich macht Regisseur Thomas Langhoff in Moliè`res Neurosen-Stück von 1673 - in einer Zeit also, in der man weit entfernt davon war zu wissen, dass Neurosen existieren - in der Aufführung immer wieder klar, dass insbesondere Reibung Wärme erzeugt. Und Argan und Toinette reiben sich heftig aneinander . . . Ob dieser alte, stinkreiche Krauterer, der glaubt, todkrank zu sein, eigentlich ein großer Liebender ist, das untersucht die Inszenierung, die am Freitagabend am Münchner Residenztheater ihre herzlich beklatschte Premiere hatte.

<P class=MsoNormal>Langhoff benutzt die Fassung von Fritz Kortner; "Le malade imaginaire" ist - eindeutiger - mit "Der eingebildet Kranke" übersetzt. Argans großbürgerlicher Haushalt wird aus dem Barock in die 20er-Jahre des letzten Jahrhunderts transformiert. Das bringt uns zwar die Neurosen näher, macht aber anderes unglaubhaft: etwa der ungehorsamen Tochter mit dem Kloster zu drohen. Moliè`res politische Anspielungen - aufgeklärtes Denken, Aufruhr gegen starre Strukturen - gehen sowieso völlig ins Leere. Entsprechend zwiespältig Ezio Toffoluttis Ausstattung. Schicke Kleidung, klassisch-moderne Architektur - aber würde solch ein Hypochonder ausgerechnet in der sicher zugigen Halle des Hauses sein Pflege-Lager aufschlagen? </P><P class=MsoNormal>Mag es dieses "schiefe" Ambiente gewesen sein oder die Premierenanspannung, zunächst lief die Komödie eher tastend, gedämpft, vorsichtig an. Über Geld und Gesundheit grantelt Argan/ Wessely - allein. Und das will er keinesfalls. Sein Schrei nach Toinette ist der des Babys. Es geht um die Existenz. Also lässt Langhoff Sibylle Canonica auch nicht als frech-resches Stubenmadl auftreten, sondern als gouvernantenhaftes Wesen. Die "Erzieherin" hat nur zufällig eine Schürze an, und die ist nicht umsonst nie richtig festgebunden. Regisseur und Schauspieler vermeiden sorgfältig den süffig-banalen Lustspiel-Schlagabtausch von Herr und Magd. Klugheit tritt gegen Wahn an, gesunder Menschenverstand gegen fixe Idee, aber auch Verantwortung gegen Egoismus. Dass hier kein Thesentheater abläuft, dafür garantieren Wessely und Canonica. Die Menschlichkeit, die Sehnsucht nach Wärme tauchen zwischen all dem verbalen Rechthaben-Müssen in Gesten auf. Wenn sich Toinette am Kopf verletzt, vergisst Argan seine Wut sofort und eilt ehrlich besorgt herbei.</P><P class=MsoNormal>Das ist das "eigentliche" Paar, sagt die Inszenierung und verfolgt konsequent den Liebespfad der Komödie. Die forciert Langhoff bis zum Höhepunkt im zweiten Akt. Da dürfen Blödelei, Slapstick und Schrilles sein. Während Canonica die grandiose Kunst der unterschwelligen Komik nur mit dem sich angewidert kräuselnden Mund, der Contenance-neutralen Miene der Hausangestellten und der nüchternen Güte einer Kindergärtnerin zeigt, malen die Jungen mit bunten Gaudi-Farben. </P><P class=MsoNormal>Bezaubernd witzig tänzelt Franziska Rieck ihre furchtbar verliebte Angelique auf die Bühne, gibt ihr jedoch auch Gefühlstiefe, ja mädchenhafte Größe, wenn's gegen den aufgezwungenen Bräutigam geht. Mit ihm hat Robert Joseph Bartl sein gekonntes Tölpel-Solo. Differenziert dennoch den unterdrückten Sohn (bedrohliches Vater-Monument: Claus Eberth) und den fiesen Macho. Tolles Solo auch für Angeliques Liebsten Cleant, der in anderen Inszenierungen eher untergeht. Marc Oliver Schulze und die Regie machen aus ihm eine schräge Ironiefigur, die im Schnelldurchgang alle Lustspiel-Stereotypen vorführt. Eine Persiflage, die Schulze mit filigraner Skurrilität ausstattet. </P><P class=MsoNormal>Da können Eva Gosciejewicz als Argans geldgierige zweite Ehefrau und Fred Stillkrauth als sein Bruder Berald nicht ganz mithalten. Zur Frau ist Langhoff nichts weiter eingefallen - wie auch zu Argans Albtraum, der missglückt. Berald inszeniert er als Argans Spiegelbild. Der Bruder ist tatsächlich krank und hustet wie die Kameliendame; oder neurotisch? Mit beiden wird Wessely denn auch nicht warm, sein Spiel bleibt "fremd", was den dritten Akt fast aushungert. Wäre da nicht der Schluss mit Toinette. Bei ihr, den "Arzt-Sketchen" und den "ungeratenen" Kindern kann er aber seine unnachahmlichen Wessely-Varianten ausspielen.</P><P class=MsoNormal>Sibylle Canonica erzählt eine ganze neue Geschichte mit ihrer Figur. Was auf den ersten Blick als Typus der ältlichen Jungfer daherkommt, ist eine Emanzipierte - als Frau und als Dienstmädchen. Sie hat den Durchblick und weiß das auch. Canonica beschreibt mit jedem Blick, mit jedem Schritt eine Persönlichkeit, die allen anderen überlegen ist und sich dennoch damit abgefunden hat zu dienen. Abgefunden hat sie sich aber auch damit, dass ihr die herzbetörende Liebe nicht begegnen wird. Was bleibt: Ersatzfrau für Argan, Ersatzmutter für Angelique, Problem-Aufräumerin - und ein stiller Schmerz, eine gezügelte Sehnsucht. Das ist Sibylle Canonicas Schöpfung.</P>

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