Pfadfinder der Paarbeziehung

- "Das macht schon auch Spaß", beschreibt Liam Neeson die Arbeit in einem Film wie "Star Wars". Dort spielte er einen zottelhaarigen Jedi-Ritter. "Aber die größte Herausforderung meiner Karriere ist es sicher nicht." Das könnte schon eher seine Rolle des amerikanischen Sexualforschers Alfred Kinsey gewesen sein, der mit seinen Erkenntnissen in den Fünfzigerjahren die Grundlagen für die sexuelle Befreiung der westlichen Hemisphäre schuf. "Kinsey", die von Bill Condon ("Gods & Monsters") inszenierte Biografie des Wissenschaftlers, startet morgen in den Kinos.

<P class=MsoNormal>Es heißt, Sie nehmen gerne Rollen an, durch die Sie etwas lernen können. Was haben Sie von Kinsey gelernt?<BR>Neeson: Naja, vorher wusste ich nicht, was Sex ist . . .  (lacht) Nein, im Ernst, ich hatte zwar schon mal vom legendären Kinsey-Report gehört. Aber das war's auch. Dass er wirklich die sexuelle Revolution der Sechzigerjahre ausgelöst hat, und welche Schockwellen er verursacht hat in der Bevölkerung, das habe ich erst während der Vorbereitungsphase auf meine Rolle begriffen.</P><P class=MsoNormal>Dafür hassen ihn bestimmte konservative Gruppierungen in den USA bis heute. Die Demonstrationen zum Filmstart von Kinsey waren zahlreich . . .<BR>Neeson: Es ist lächerlich, obwohl es eigentlich gar nicht zum Lachen ist, was gerade passiert in den Vereinigten Staaten. Der immense Rechtsruck begann ja bereits während der Reagan-Zeit und richtete sich gegen alles, was in den vorausgegangenen Dekaden von unterschiedlichsten Bürgerrechtsgruppen erkämpft wurde. Kinsey gilt diesen Menschen bis heute als personifizierter Sündenbock, weil er die Freizügigkeit hoffähig gemacht hat. Dafür hasst man ihn bis heute in bestimmten Kreisen. Von der Aids-Epidemie bis hin zur Vergewaltigung ist Kinsey einfach an allem schuld. Man dämonisiert den, dem man doch eine der größten Liberalisierungen zu verdanken hat.</P><P class=MsoNormal>Wie bereitet man sich auf eine Rolle vor, die changiert zwischen emsigem Professor, Pfadfinder der Paarbeziehung und recht hemmungslos untreuem Ehemann?<BR>Neeson: Ich denke nicht, dass er bewusst untreu war. Im Gegenteil, die beiden, das habe ich während meiner Recherche herausgefunden, waren einander sehr ergeben und liebten sich wirklich. Die Experimente mit anderen Frauen und Männern waren für Kinsey eher wie Versuchsanordnungen. Aber es erscheint mir plausibel, dass er in seinem Forscherdrang irgendwann die Grenzen zwischen dem, was ihn gerade beschäftigte, und dem, was auch für seine Frau akzeptabel war, überschritten hat.</P><P class=MsoNormal>Das klingt, als ob Ihnen Kinsey nicht sehr sympathisch ist.<BR>Neeson: Ich bewundere, was er geleistet hat. Was er erreicht hat, würde ich auf eine Stufe stellen mit den Entdeckungen von Pascal oder Newton. Das war ungeheuer wichtig. Die Dichter haben seit Tausenden von Jahren schon über die Liebe geschrieben: Es wurde Zeit, dass die Wissenschaftler sich der Sache annahmen und dass man sich endlich mit den nüchternen, mehr physikalischen Aspekten der Sache befasst hat. <BR>Kinsey war aber letztlich nicht nur ein bemerkenswert akribischer Biologe, sondern er war in seiner Wirkung ein großer Sozialreformer. Er war der erste, der homosexuelle Beziehungen in seinen Untersuchungen ganz sachlich und wertfrei neben die heterosexuellen Paare gestellt hat. Er hat die Schwulenbewegung ebenso massiv beeinflusst wie die Frauenbefreiung der folgenden Jahre. Das muss man sich einmal vorstellen! In den Fünfzigerjahren! Die waren schließlich mehr als prüde.</P><P class=MsoNormal>Sind nicht die Hollywood-Filme von heute auch noch ziemlich prüde? Ein Kuss, Schnitt, Bettdecke. Da hat sich doch seit Doris Day nicht viel getan.<BR>Neeson: Ich finde schon. Vielleicht nicht in jeder Hollywood-Großproduktion. Aber generell bin ich der Ansicht, wir sehen zu viel Sex im Kino oder Fernsehen. Nicht zu wenig. Ich sehe oft in Filmen eine Liebesszene; da wandert die Kamera dann herauf und herunter an den nackten Körpern, und ich denke mir nur: Kommt schon, hört auf, erzählt mir lieber, wie's weitergeht mit der Geschichte!</P><P class=MsoNormal>Das Gespräch führte Ulrike Frick</P>

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