Pfirsich und Schulterspeck

- Als Erstes ein Hauch von Antike. "Stille Welt - Italienische Stillleben. Arcimboldo, Caravaggio, Strozzi . . ." in der Münchner Hypo-Kunsthalle beginnt mit Wandmalerei aus Herculaneum. Schon hier findet sich alles in den Wandfeldern, was dann in den späteren Jahrhunderten - vor allem ab dem 16. Jahrhundert - als Stillleben oder Natura morta beliebt war. Obst, Fleisch, Wild, Meeresfrüchte, ja sogar die zarten Glasgefäße, die das malerische Können so sehr herausfordern, fehlen bei der pompejianischen Wandmalerei mit ihren elegisch verblichenen Farben nicht.

<P></P><P>Stillleben waren in der Hierarchie der Bilder - am edelsten: die Historienmalerei - nicht sonderlich angesehen; aber begehrt - und wurden fleißig produziert. Berühmt sind die Könner aus dem Norden Europas, der großartige Georg Flegel etwa oder Jan Bruegel der Ä. Das mag ein Grund sein, dass man sich in Italien der kunsthistorischen Erforschung der heimischen Natura morta nicht sonderlich intensiv angenommen hatte. Die aktuelle Ausstellung füllt auch in dieser Hinsicht eine Lücke; das bedeutet zugleich, dass sehr viele der präsentierten Gemälde noch nie gezeigt wurden.</P><P>Rund 200 Werke füllen, ja überfüllen die Kunsthalle mit zumeist üppigen, überquellenden Arrangements, als wollten die italienischen Regionen einander übertreffen an Fruchtbarkeit. Da können die Niederländer höchstens beim Fischmarkt oder bei Blumenbuketts mithalten. Die prunkenden Bilder, über die sich in Kaskaden Trauben, Pfirsiche, Melonen, Kürbisse, Granatäpfel, Kirschen, Feigen, Zitronen, Quitten, Zwetschgen ergießen, waren vor allem als Dekorationsstücke für Palazzi gedacht. In der Schau sind die Arbeiten zwar dicht an dicht gehängt, aber stets aufgereiht in Augenhöhe und nicht wie in den Schlössern wandbedeckend. Das wirkt langweilig, außerdem vertragen viele Bilder die Nahsicht nicht. Ihr groberes "Strickmuster" ist für größere Distanzen gedacht. Das Wohlgefühl von Sattheit und Reichtum, Sorglosigkeit und Verschwendungslust vermitteln sie aber heute noch. Auch wenn wir in unserer Wohlstandsregion gar nicht nachfühlen können, was es bedeutet haben mag, die Früchte der Natur in solchen Massen zu "besitzen". Die ständige Angst vor Missernten, das heißt vor Hunger und Not, kennen wir nicht mehr.</P><P>Hinreißender Lobpreis der Schöpfung</P><P>Deswegen steckt hinter dem einfachsten Tableau mit etwas Brot, Wasser, Käse und der riesigen Tafel mit Nahrungsmitteln aller Art immer das Wissen um Armut und Vergänglichkeit. Die Vanitas-Hinweise dokumentieren sich selten so deutlich wie im Totenschädel, verwelkende Blätter, aufgebrochene Früchte und Ähnliches fehlen selten: obwohl die Kostbarkeit des Ambientes in Marmorplatten, exquisiten Teppichen, erlesenen Gläsern und Karaffen, blank poliertem Kupfergeschirr, exotischen Vögeln und Blumengebinden - und damit der Status des Besitzers - demonstrativ hervorgekehrt wird.</P><P>Trotz aller Schwelgerei verleugnet auch die italienische Stilllebenmalerei nicht die Verankerung in der gewissermaßen wissenschaftlichen Hinwendung zu Natur-Elementen. Deswegen finden sich in der Schau botanische und zoologische Darstellungen inklusive einer exakten Aquarellstudie eines Hummers von Albrecht Dürer. Alle Künstler wetteiferten darin, die Vielfalt der Erscheinungsformen festzuhalten: die Samtigkeit der Pfirsichhaut, dem Glibber von Austern, die Poren der Zitronenschale, das flimmrige Glitzern auf den Fischschuppen, das feuchte, sexuell aufgeladene Innere der Wassermelone, Härte und Transparenz des Glases, Glätte und Frische einer Tulpe, das kuschelige Bauchgefieder einer Wildente . . . Ein hinreißender Lobpreis der Schöpfung, neben dem es Stillleben mit Musikinstrumenten, Gewürzgläsern oder Büchern samt Masken schwer haben.</P><P>Am schönsten sind die kleineren, bescheideneren Bilder, bei denen der Maler keinen Ausstattungsauftrag erfüllen musste, sich ganz in das Objekt versenken konnte: zwei knorrige Zitrusfrüchte von Filippo Napoletano, eine mit Zweiglein und ein paar Blättern - sonst nichts; eine schlichte, gebauchte Glasvase - malerisch ein bloßer Hauch - mit weißen gefüllten, extrem großen Jasminblüten von Bartolomeo Bimbi; oder Schulterspeck und Kohlkopf . . . Ähnlich einfach und pur, aber skurril die bemalten Pizza-Schieber für die Mitglieder der Florentiner Accademia della Crusca(= Kleie): Von der Semmel bis zum Ricotta-Käse ist alles bildwürdig.<BR><BR>Bis 23. 2. 03, Tel. 089/ 378 281 62; der schlecht gedruckte Katalog kostet 35 Euro.</P>

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