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Die Hypo-Kunsthalle zeigt Werke von Albrecht Dürer (im Bild), Lucas Cranach und Hans Holbein.

Phänomenales Erlebnis

München - Die Münchner Hypo-Kunsthalle zeigt große Meister: Dürer, Kranach und Holbein werden in einer neuen Ausstellung gewürdigt.

Beglückt und hingerissen. Anders kann man die eigenen Empfindungen bei dieser phänomenalen Ausstellung nicht beschreiben – und untertreibt dabei fast ein bisschen. Denn die Faszination von „Dürer – Cranach – Holbein: Die Entdeckung des Menschen – Das deutsche Porträt um 1500“ umfasst die Dreieinigkeit von malerischem Superlativ-Können, seelischer Durchdringung und geistiger Tiefe. Der Hypo-Kunsthalle ist mit dieser Zusammenarbeit mit dem Kunsthistorischen Museum Wien ein Coup für München und Bayern gelungen. Leider gibt es bei uns keine Strategen/ Interessenten, die solche Präsentationen der Extraklasse – deutsche Bildniskunst dieser Ära wurde noch nie dargestellt – als „Hype“ vermarkten, wie das die Berliner so gut verstehen. Sie zeigen gerade italienische Renaissance-Porträts, und da sind die Bildnisse deutscher Künstler, die nun in München zu Gast sind, ein grandioser Kontrapunkt.

Bayern – ob Herzöge, ob Fugger – spielt dabei eine durchaus prägnante Rolle; abgesehen davon kommen die drei „Stars“ Albrecht Dürer (Nürnberg, 1471 bis 1528), Lucas Cranach d. Ä. (Kronach, 1472 bis 1553) und Hans Holbein d. J. (Augsburg, 1497/98 bis 1543) aus heutigen bayerischen Landen. Bayrisch – und mutig – und sehr berührend der Einstieg in die Schau mit einem Toten-Porträt. Herzog Wilhelm IV. hatte einen Schlaganfall erlitten und war am 7. März 1550 verstorben. Hans Mielich, der viel für den kunstsinnigen Herrscher gearbeitet hatte, schuf ein kleines, aber sensationelles Werk. So zärtlich wie wirklichkeitsgetreu und radikal zeigt er den Menschen in Leid und Vergänglichkeit. Nichts ist wie bei anderen Totenbildern geglättet oder geschönt. Genauso nah an die Realität rückt Hans Schäufelein ein Christusantlitz, obwohl es vor einem Goldgrund steht, der noch dem Mittelalter angehört. Aber dieser Mann Jesus, der uns unverwandt anblickt, ist nicht nur durch unglaublich feine Pinselarbeit modelliert, sondern auch durch genaue psychologische Beobachtungsgabe. Was insbesondere die Augenpartie beweist.

Deswegen dürfen die Ausstellungsmacher an diesen Porträts als „typisch deutsch“ „den Mut zur Wahrhaftigkeit“ bezeichnen. Und genau das ist es, was die Werke für uns Heutige so spannend macht. Denn im Grunde sind es immer nur die echten Menschen-Geschichten, die uns bewegen. Und die gibt es hier – mehr als bei den italienischen Porträts, die doch mehr stilisieren, idealisieren und uns damit auf Distanz halten. Dürer und Co. statten natürlich ihre Großkopferten mit allen Zeichen der Macht und des Reichtums aus – schließlich waren das die Auftraggeber –, in den Gesichtern jedoch sind das eben nur Menschen in all ihrer Vielfalt. Darin verwirklichen sich Renaissance und Humanismus, die das mittelalterliche Denken abschüttelten, ganz eigenständig, gewissermaßen hautnah und damit ausgesprochen modern. So wirken manche Bilder, als kämen sie aus der Neuen Sachlichkeit der 1920er-Jahre.

Die Ausstellung stellt ihre drei „Helden“ zwar festlich heraus (auch mit farbigen, zum Teil à la Schloss tapezierten Wänden), betont zugleich energisch die Virtuosität der anderen Maler von Mielich – großartig doppeldeutig sein bayerischer Hofnarr Mertl Witz – über Hans Burgkmair und Bartel Beham bis Hans Baldung Grien. Genauso wenig wie diese zu kurz kommen, genauso wenig wird die Kunst der Bildhauerei, Medaille, Zeichnung und Druckgrafik (Dürer!) unterschlagen – und: dass die Künstler bei allem Hang zur Individualität versierte Handwerker und Geschäftsleute waren. So sieht man in der Kunsthalle nicht nur denkbare Kopf-Varianten von alten Männern, sondern auch ein kleines Musterbuch mit Gesichtern, damit sich der Auftraggeber vorstellen kann, wie die Engel und Heiligen auf seinem gewünschten Werk ausschauen werden.

Und die großen drei? Bei Dürer beeindrucken vor allem die Gesichter, die von Lebensströmen durchpulst sind. Cranach erweist sich als schlitzohriger Entlarver: immer fromm gefaltete Hände, aber die Finger dick mit Ringen verziert. Und Holbein ist bisweilen so fotorealistisch, dass man fürchtet, der stolze Herr raunzt einen gleich an.

Simone Dattenberger

Bis 15. Januar 2012, Tel. 089/ 22 44 12; Katalog, opulent und gut gedruckt, vom Hirmer Verlag: 25 Euro.

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