Das Phantom der Oper

- "Du dauerst mich", sagt Marietta. "Du leidest." Nicht nur weil die Geliebte tot ist, nein, der Mann hat ein tiefer gehendes Problem: schlurft mit kleinen Schritten durchs Zimmer, trottet sogar an Marietta vorbei, als sie sich ihm aufreizend entgegenstellt _ stets den Blick geheftet auf ein seltsam leb- und ausdrucksloses Antlitz. Wie konstruiert ist dieses Gesicht, das Phantombild einer Frau, die es womöglich nie gegeben hat, die sich Paul demnach als Ideal zusammengebastelt hat. War seine Marie überhaupt jemals Realität?

<P>Einige fast unmerkliche Psycho-Umdrehungen schraubt Willy Decker die Geschichte also weiter. "Die tote Stadt", einziger Coup von Erich Wolfgang Korngold (1897-1957), ist bei ihm nicht zweieinhalbstündiges Witwer-Lamento mit Selbsttherapie, sondern die Schilderung eines Verklemmten, der nur um sich selbst kreist, zur echten Beziehung kaum fähig ist und in der Begegnung mit Marietta ein weiteres Mal verpasst, sich emotional freizuschwimmen. Am Ende tapst Paul aus dem Zimmer, verlässt zögernd den dunklen Seelen-Knast samt Phantombild - Happy Ends sehen anders aus.</P><P>Das gab's dafür im Publikum. Kein einziges Buh trübte den lautstarken Jubel und das rhythmische Klatschen im Kleinen Festspielhaus. Endlich, nach drei regiemüden Salzburger Wochen, ist der Erfolg da. Ganz ohne modischen Gag-Krawall, ohne szenische Krücken vom Video-Clip übers lebende Tier bis zur Kostüm-Orgie: Das Team Willy Decker (Regie) und Wolfgang Gussmann (Ausstattung) beschämt locker die dortige Konkurrenz und übertrifft sie zugleich himmelweit.</P><P>Natürlich, die Begeisterung galt auch dem Stück, dem wirkungsvollen Sujet und der rauschhaften Musik, von der man allzu gern, wie von Verbotenem naschte. Ganz erleichtert schien Salzburg darüber hinaus das Duo Decker/ Gussmann zur Kenntnis zu nehmen. Denn überraschend begegnete man Könnern, denen wenig daran liegt, mit Aufwand zu prahlen oder sich vor jede Szene zu drängen. Stattdessen lassen sie das Stück ganz uneitel, wie aus sich heraus, entstehen - mag auch den viel Beschäftigten manches in die versierte Glätte rutschen. Aber bei jedem Blick, jeder Geste, jedem Gang winkt Decker mit dem einzig möglichen Beweismittel: mit der Partitur. Erzielt werden so eine enorme Authentizität und stundenlange, nie nachlassende Spannung. Wär's nicht so anstrengend für die Sänger, man hätte die Aufführung glatt pausenlos durchspielen können.</P><P>Decker umschifft drohenden Psycho-Kitsch, erzählt geradlinig und mätzchenfrei, bietet dabei starke Bilder in großer szenischer Ökonomie. Schmucklos ist Wolfgang Gussmanns Einheitsraum, in dem "geopferte" rote Rosen liegen, der plötzlich bei Pauls Visionen aus dem  Lot gerät.<BR>Knallige Philharmoniker</P><P>Hinter ihm öffnet sich die Bühne, sichtbar werden tanzende Häuser, rätselvolle Prozessionen oder ein identisches Parallelzimmer, wo Paul II seiner Marie gegenüber sitzt. Irgendwann erscheint ihr seltsam charakterloses Bildnis zigfach vervielfältigt - eine Ikonen-Sammlung, die verlöscht, als Marietta das Spiel zu dominieren beginnt.</P><P>Und der Kunstgriff: Marietta, die "real" im 20er-Jahre-Look hereinstöckelt, gleicht Marie keineswegs. Die großartige Angela Denoke spielt Pauls Vision des zweiten und dritten Akts zwischen Marlene und Carmen, ist als Glatzköpfige im Negligé´ lasziver Vamp und frivole Lolita. Doch die diabolische Harlekinade, die blasphemische Kreuzigungsszene, auch die Verführung verstören den Helden nur immer mehr. Weder gespreizte Beine noch Kuss, weder Hure noch Heilige locken den Tumben aus der Reserve - der streichelt lieber Bilder als echte Frauen.</P><P>Dabei hätte er ein attraktives Gegenüber: Angela Denoke lässt ihren Sopran dunkel und intensiv lodern, reduziert ihn immer wieder auf liedhafte Lineatur, schont sich weder in Spiel noch Gesang. Und dass Extremtöne ins Flackern geraten, unterstreicht sogar noch die Dramatik, das Exaltierte ihrer Marietta.</P><P>Regiegemäß zurückhaltend, ein passiver Sympathieträger bleibt Torsten Kerl (Paul). Aber der hat ja auch mit einer der anstrengendsten Tenorpartien überhaupt zu tun. Kerl löst die Aufgabe mit hellem, obertonreichem Timbre, mit eng gebündeltem Tenorstrahl, das Format für die Rolle hat er indes noch nicht erreicht. Souverän dagegen Bo Skovhus, der als Frank verlässliche Bariton-Eleganz bietet, noch mehr aber als aufgedrehter Pierrot Fritz überzeugt und in "Mein Sehnen, mein Wähnen" ungeahnte Ironie träufelt.</P><P>Doch wer auf der Bühne des Kleinen Festspielhauses steht, vor sich die zu allem entschlossenen Wiener Philharmoniker, der hat eigentlich verloren. Dirigent Donald Runnicles gönnt dem zentralen Schlager "Glück, das mir verblieb" zwar den ersehnten Zuckerguss. Doch ansonsten akzentuiert er noch den fiebrigen, hypernervösen Gestus dieser Musik. Zartfühlend ist das nicht, rücksichtsvoll noch weniger.</P><P>Runnicles treibt die Wiener in ein expressives und grelles, auch knalliges Spiel, das die Modernität und die Experimentierlust von Korngold zwar beweist, gegen das die Sänger indes nur punktuell Chancen haben. Ein weiterer Beleg für die dürftige Akustik des Kleinen Festspielhauses. Doch wenn Willy Deckers einzigartige Produktion nach Wien weiterzieht, wird das Gebäude Ende August geschlossen und 2006 als aufgehübschtes "Haus für Mozart" wiedererweckt: Wer weint dem alten Nierentisch-Charme eine Träne nach?</P>

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