Phantom in der Oper

- Für die meisten Ehrengäste mocht's ne olle Kamelle gewesen sein. Doch als Bayreuther Festspieleröffnung? Da gibt es nichts Besseres als Wagners "Fliegenden Holländer": überschaubare Handlung statt wüstes Sagengebräu, zweieinhalb Stunden statt schweißtreibende und Gesäß-strapazierende fünf. Und mit 18 statt 16 Uhr eine moderate Beginnzeit, die keinen zum Blitzlichtgewitter an roten Ampeln zwingt.

Apropos Schnappauf: Durch die schon dritte Wiederauflage von Claus Guths Inszenierung und dank der harten Salzburger Konkurrenz trat heuer nur die Promi-B-Besetzung an. Kein Gottschalk also, dafür Blanco, keine Merkel, kein Köhler, dafür das Regierungsphantom Michael Glos. Immerhin die Stoibers, doch die sind ja - dank des anschließenden Staatsempfangs - schließlich so eine Art Gastgeber.

Auf der Bühne Ähnliches. Wer vor einigen Tagen Münchens grandiosen "Holländer" erlebt hat, rieb sich nun, konfrontiert mit Bayreuther Mittelmaß, die Ohren. Adrienne Dugger zeigte sich als Senta lyrischer gelaunt und differenzierungslustiger als sonst - wohl auch, um ihren fransigen Sopran zu kaschieren. Alfons Eberz (Erik) meinte, er müsse Verona beschallen. Und die Titelpartie liegt inzwischen außerhalb von John Tomlinsons Möglichkeiten, der sich in Expressivität und vokales Grimassieren rettete.

Bayreuther Musterfall

Jakko Ryhänens Daland - stimmlich hochachtbar und darstellerisch kein Spielopern-Clown - bewegte sich dagegen auf der Habenseite, der grandiose Festspielchor sowieso, ebenso Uta Priew (Mary) und vor allem Norbert Ernst: Der Steuermann als Sieger des Abends, das hatte sich Richard selig eigentlich anders gedacht.

Marc Albrecht im Graben traut sich inzwischen mehr als in den Vorjahren. Lyrismen werden ausgebreitet, manches Detail noch mehr hervorgehoben. Und statt auf kompakte Dramatik zu vertrauen, machte er sich mit dem Festspielorchester ans Auflichten der Partitur. Reibungsverluste inklusive - solche Duett- und Ensemblewackler kennt man vom Grünen Hügel eigentlich nicht.

Claus Guths Regie ist noch immer der Musterfall: klares Konzept und perfektes Handwerk. Eine dicht erzählte Psychogeschichte, die Persönlichkeitsspaltungen und Kindesmisshandlung andeutet, den Holländer und Daland als zwei Komponenten einer Person begreift, Senta in mehreren Altersstufen gleichzeitig vorführt und die auch beim wiederholten Hinschauen noch immer fesselt. Das Beste, was Bayreuth in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Natürlich bis auf die neuen Taschen fürs dicke Festspielbuch. Die sind weißblau, luftig, aus Stoffersatz und geräuschärmer als die alten Plastiktrümmer. Der technische Direktor, so heißt's, habe sich übers dauernde Rascheln während der Aufführungen beschwert.

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