Beide waren auch im Original dabei: Ramin Karimloo als Phantom und Sierra Boggess als dessen angebetete Christine in dem neuen Musical „Love Never Dies“. Foto: catherine Ashmore

"Phantom der Oper " - Fortsetzung einer Legende

London - Andrew Lloyd Webber präsentiert in London die Fortsetzung seines legendären Musicals "Phantom der Oper". Doch die Meinungen über "Love Never Dies" sind zwiespältig.

Von dem Moment an, als Andrew Lloyd Webber die Fortsetzung seines „Phantom of the Opera“ angekündigt hatte, liefen die Internet-Foren heiß. Von Sakrileg war da die Rede oder gar von kreativer Bankrotterklärung. Und die zentrale Frage der „Phans“, ob es diese Fortsetzung nun unbedingt gebraucht hätte, bleibt auch nach der Premiere von „Love Never Dies“ im Londoner Adelphi Theatre weiterhin im Raum stehen. Setzt sich der Komponist mit seinem jüngsten Streich doch freiwillig einem Vergleich aus, bei dem das neue Werk eigentlich nur unterliegen kann. Immerhin zählt das Original selbst nach bald 24 Jahren noch immer zu den großen Kassenmagneten im West End.

Die Musik von „Love Never Dies“ ist zwar keineswegs so banal, wie manche befürchtet oder vielleicht sogar insgeheim gehofft hatten. Doch die Qualitäten seines ersten „Phantoms“ erreicht Lloyd Webber bei diesem lauwarmen Neuaufguss eben trotzdem nur selten. Das wird immer dann besonders deutlich, wenn Zitate aus dem Vorgänger durchblitzen. Und auch der recycelte Titelsong, der mit anderem Text bereits 2000 im gefloppten „The Beautiful Game“ zu hören war, zeugt nicht gerade von überbordender Kreativität.

Dass er es noch kann, demonstrieren hingegen das Duett „Look With Your Heart“ oder die eindringliche Ballade „Till I Hear You Sing“, mit der Hauptdarsteller Ramin Karimloo das Haus in beinahe hysterische Euphorie versetzt. Wie Sierra Boggess als Christine, hat er seine Rolle bereits im Original verkörpert und kann aus dieser Erfahrung heraus auch hier einen Charakter formen.

Das wahre Problem des Nachfolgers bleibt nämlich die löchrige Geschichte, die diesmal nicht aus der Feder von Gaston Leroux stammt, sondern vom Komponisten selbst gemeinsam mit Frederick Forsyth und Ben Elton erdacht wurde: Zehn Jahre nach den romantischen Verwicklungen in der Pariser Oper reist die einst vom Phantom protegierte Sängerin Christine mit Ehemann Raoul und ihrem zehnjährigen Sohn nach Amerika, wo der maskierte Operngeist inzwischen einen großen Vergnügungspark in Coney Island betreibt. Und man ahnt schnell, welcher Konflikt sich hier anbahnt. Nämlich die Frage, wer nun wirklich der Vater des musisch begabten Juniors ist?

Regisseur Jack O’Brien und Ausstatter Bob Crowley garnieren diese bemühte Beziehungskiste mit zahlreichen Zaubertricks und eindrucksvollen Projektionen. Doch wie bei den meisten Hollywood-Fortsetzungen können die aufgemotzten Effekte auch auf der Bühne nicht darüber hinwegtäuschen, dass man der alten Dreiecksgeschichte nur bedingt neue Aspekte abgewinnt. Schlimmer noch, der Versuch, alles zu erklären und alle losen Enden auf einmal verknüpfen zu wollen, entzaubert das mysteriöse Phantom, das nun das Schicksal des dämonischen Star-Wars-Schurken Darth Vader teilt. Auch von ihm wissen wir dank George Lucas, dass er im Grunde ein ganz netter Kerl ist, der nur eine schwere Kindheit hatte. Aber in beiden Fällen stellt sich die Frage: Wollten wir das wissen, oder hätten wir nicht doch lieber unserer eigenen Fantasie vertraut?

Tobias Hell

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