Die Untoten sind da: Der Chor mit Sally du Randt als Elsa von Brabant (oben in Weiß) und Gerhard Siegel als Lohengrin (unten Mitte) sowie Jaco Venter als Friedrich von Telramund und Kerstin Descher als Ortrud. Foto: A. T. Schaefer

Phantome der Oper

Augsburg - Premiere: Thorleifur Örn Arnarsson hat fürs Theater Augsburg Richard Wagners „Lohengrin“ inszeniert. Lesen Sie hier die Kritik:

„Frei aller Schuld“ sei die Jungfräuliche, singt der Ritter anfangs. Und das bleibt Elsa auch, zumindest fürs ahnungslose Volk inklusive König. Auch wenn sie gerade Telramund librettowidrig mit einer Schwanenfederspitze die Halsschlagader geöffnet hat, bis das Blut die porentief weißen Wände bespritzte – der Gatte nimmt im Finale die Schuld auf sich. Eine aparte Wendung. Elsa, die Töterin aus Notwehr. Und Lohengrin mit einer Falschaussage als finaler Liebesbeweis, kurz vor dem Auf Nimmerwiedersehen.

Da ließe sich einiges draus machen, umwerten, neu denken. Ebenso aus der Tatsache, dass es hier nur ein einziges, in knisternder Erotik verbundenes Paar gibt: Wenn Ortrud und Telramund heiße Küsse tauschen, dann scheint diese Beziehung besser zu funktionieren als die der hehren Zweisamkeit ihrer Gegner. Aber es bleibt an diesem Abend bei Andeutungen. Noch Schlimmer: beim nicht zu Ende Gedachten, auch bei handwerklichen Mängeln.

Der neue Augsburger „Lohengrin“ hat gleich mehrere Probleme. Die größten bereitet Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson. Der hat die Lechstadt einst mit einer wilden „Fledermaus“ erzürnt und mit einer „Bohème“ (als Versöhnung?) sediert. Wagners Wunderwerk will er erzählen als letztes Aufbäumen einer Endzeitgemeinschaft. Eine Horde von Untoten haust unter einer zerstörten Barockkuppel. Reste eines Theaters sind das wohl. Und diese Phantome der Oper werfen sich zu gern in blendend weiße Kostüme. Ganz nach Vorbild dieses fremden Mannes, der ein bauschendes, gefiedertes Brautkleid als Schwanensymbol mit sich führt. Eine keimfreie Gesellschaft entsteht da. Und mit der gut abgehangenen Theater-auf-dem-Theater-Chiffre will Arnarsson wohl die Künstlichkeit, die Lebensferne der Lohengrin-Welt unterstreichen.

Was die Ausstattung von Jósef Halldórsson (Bühne) und Filippia Elísdóttir (Kostüme) behauptet, löst aber die Regie nicht ein. Arnarsson kann die Figuren kaum plausibel machen. Personenführung gibt es nur in Spurenelementen. Der Chor ist mal eingefrorene Masse, mal wird er mittels sinnfreiem Hin- und Herlaufen beschäftigt. Und wenn es tatsächlich mal zum intensiven Kammerspiel kommt wie zu Beginn des zweiten Aktes, dann ist das wohl Eigenbau der Beteiligten: Die Auseinandersetzung zwischen Ortrud und Telramund ist eine der stärksten Szenen. Kerstin Descher ragt mit ihrer lodernden Dramatik, dem nie übertriebenen Aplomb weit aus dem Kollegenkreis heraus, Jaco Venter hat sich mit hohlwangig tönendem Bariton den Telramund sehr gut eingeteilt und lässt sich nie zum Brüllen verführen.

Die Übrigen führen ungewollt vor, wie schwierig das Stück zu besetzen ist. Sally du Randt dimmt ihre Stimme klug auf herbe, feine Lyrik, ist aber über die Elsa eigentlich hinaus. Vladislav Solodyagin entwickelt wenig vokale Herrscherattitüde für den König Heinrich. Den exzellenten Dong-Hwan Lee hätte man glatt vom Heerrufer zum Telramund befördern können.

Dass Gerhard Siegel in der Produktion zu erleben ist, hat auch mit einem Freundschaftsdienst an der Heimatstadt zu tun. Der weltweit als Mime und zuletzt in München als Schuiskij Gefeierte hat offenbar von der Schublade Charaktertenor genug. Einen imponierenden Tristan hat er bereits in Augsburg gesungen. Als Lohengrin ist er leider fehlbesetzt. Seine wetterfeste Stimme, die erst im Forte auf richtige Betriebstemperatur kommt, kann er anfangs für Lyrismen gut herunterfahren. Siegel ist redlich um Legato bemüht. Doch manches klingt gequetscht, künstlich hergestellt und dem (eigentlich prachtvollen) Material abgerungen. Ausgerechnet in der Gralserzählung unterlaufen Textfehler – die Partie sollte ein einmaliges Experiment bleiben.

Vielleicht auch deshalb läuft Dirk Kaftan, der scheidende Generalmusikdirektor, nicht zu gewohnt großer Form auf. Vieles im ersten Akt wirkt überkontrolliert. Kaftan will zügige Tempi, erzielt dabei einen „Lohengrin“-ungewohnten, trockenen Konversationston. Bedeutend freier, auch vielschichtiger in der Klangrede und souverän in der Tempodramaturgie der zweite Aufzug. Der Untertitel „Romantische Oper“, das ist die interessante Erfahrung des Abends, kann auch in die Irre führen. Wie viel Verzweiflung, Wut, ja Aggression in der Partitur stecken, macht Kaftan hörbar – nicht nur im Zwischenspiel des dritten Akts, wo die im ganzen Haus verteilten Trompeten den Krieg herbeischmettern. Doch vom so besonderen Zauber des Werks, von der irisierenden Harmoniesprache hätte man sich schon gern verführen lassen – auch vokal. So ist anderes zu erleben: ein Haus, das trotz einer grandiosen Saisoneröffnung mit Nonos „Intolleranza“ auch mal an Grenzen stoßen kann.

Markus Thiel

Vorstellungen

am 8., 18., 21., 25. und 29. Mai; Telefon 0821/ 324 49 00.

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