Die Phantome der Operette

Claus Guths "In mir klingt ein Lied": - Am Ende wandert der Lichtkegel seiner Taschenlampe wieder durchs Foyer. "Des gibt's net", raunzt Klaus Haderer als Nachtwächter wie zu Beginn und tapst durchs Dunkel. Eine Endlosschleife? Das täuscht: Willy Forst säuselt vom Tonband nun "Frrrag' nicht, warum ich gehe", und aus dem geöffneten Fenster dringt Autolärm statt Pferdegetrappel.

Ein Jahrhundert liegt zwischen diesen beiden Auftritten. Oder 24 Stunden? Auf jeden Fall ein Abend, an dem uns und dem staunenden Nachtwächter die Phantome der Operette erscheinen. Musikkabarett und Lehrstunden, poetische Liebeserklärung ans "Gärtnertheater" und an die so schwere leichte Muse, augenzwinkernde Selbstbespiegelung und kaum verhohlenes Testament eines scheidenden Chefs, all das will dieser Abend sein ­ und schafft das meistens auch.

Keine Angst vorm Untertitel ("Operetten-Topographie"): "In mir klingt ein Lied", diese aufwändigste, intelligenteste und gelungenste Gärtnerplatz-Produktion seit langem, ist gottlob kein pures Fußnoten-Theater. Aber eben auch keine, was sich mancher vielleicht erwartet hatte, muntere Häppchen-Revue à la Franz Wittenbrink ­ wobei die Produktion gelegentlich, das sei eingeräumt, an Musikarmut und einer Überdosis Text krankt. Doch vor der Überfülle der Geschichte und Geschichtchen, die Regisseur Claus Guth erzählt und in die Bühnenwelt seines kongenialen Ausstatters Christian Schmidt einpasste, verblassen die Durchhänger.

Ein in der Premiere beklatschter Coup: Schmidt baute auf der oft und gern bewegten Drehbühne Hauptfoyer und Zuschauerraum nach, schuf auch in den Zwischengängen genügend Raum für Intrigen, Macken und handfeste Tête-à-Têtes. Eine Heidenarbeit, dafür aus Benatzky, Zeller, Grothe, Stolz, Lehár, Millöcker oder Strauß das Richtige zu destillieren und neu zu montieren. Guth, Dramaturg Konrad Kuhn und Hausherr Klaus Schultz dürfen sich zum Archivwühlen gratulieren, vor allem Dirigent Andreas Kowalewitz, der die Arrangements oft nur nach Plattengehör schrieb und auf der Bühne als Klavierspieler kabarettistisches Talent offenbarte.

Nur allmählich schleicht sich die Musik in diese Aufführung. Anfangs von Zither oder Klavier begleitet und über Zuspielungen, erst spät in voller Besetzung, wenn sich das Orchester übermütig in die "Fledermaus"-Ouvertüre wirft. Humor und Historie, das beweist Guth, sind sich nicht so spinnefeind, lassen sich sogar kombinieren. Und dies ohne gleich den Holzhammer der Eichingers und Knopps unserer Doku-Dramen zu schwingen. Wenn etwa zur "Fledermaus" die Loge mit dem "Führer" hereingedreht wird, wenn ein jüdisches Ensemblemitglied mit gepacktem Koffer davonschleicht, wenn ein stummer Frackträger Heesters-Erinnerungen weckt, wenn aus dem Theatermodell Flammen schlagen ­ dann ist damit mehr und Intelligenteres gesagt als mit jedem Essay.

Für "Erholung" von der Geschichte ist ja gesorgt. Etwa mit dem zwerchfellerschütternden Vorsingtermin, bei dem Nathalie Boissy affektiert Wagners "Hallen"-Arie schmettert, Cornelia Horak als obercoole Wienerin sich mit Berio und Orlofsky gegen Schmäh-Klischees behauptet und bei dem Ruth Ingeborg Ohlmann dem verwirrten Intendanten eine Vokalise aus Terterjans "Beben" vorsetzt. Selbstironie und Anspielungen aufs eigene, so ambitionierte Repertoire gibt‘s also zuhauf. Jeder Musikverlag, der die Verwendung seiner Meister wie Benatzky oder Lehár untersagte, wird abgewatscht und der künftige Chef gleich mit: "Wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es auch der Kultur gut" ­ ein echter Ulrich Peters.

Als Maßschneider und Motivator fürs Haus hat Claus Guth Einzigartiges vollbracht. Alles wirkt so authentisch, weil es eben sehr viel mit diesem starken Ensemble und seinen Qualitäten zu tun hat. Gisela Ehrensperger singt in ihrer letzten Münchner Premiere das Titellied, das im Finale symbolisch an die unwiderstehliche, wandlungsfähige Cornelia Horak "weitergereicht" wird. Marianne Larsen torkelt im weit geschnittenen Alternativfummel durch die Kulissen, Torsten Frisch gibt den gespreizten Logenschließer, Jörg Simon seinen schwer an Macken leidenden Kollegen: unmöglich, alle diese ausnahmslos geglückten Nummern aufzuzählen, zumal sich angesichts der Spiellust eigentlich jeder Chorsänger einen Solo-Vertrag verdient hätte.

Eine Produktion also, die auf wundersame und berührende Weise das ganze Haus erfasste. Und die am Ende der Ära Schultz auch nach trotziger, tränenseliger Bilanz schmeckt. "Frag nicht, warum ich gehe": Solche Schwermut könnte da schon auf eine falsche Fährte locken ­ auch 2007/08 wird am Gärtnerplatz ja gespielt.

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