Königstochter Satdjehuti: Im Saal des „Jenseitsglaubens“ ist der Kopf des Sargdeckels (Holz, Gold) ein Höhepunkt.

Der Pharao kann zufrieden sein

Staatliches Museum Ägyptischer Kunst neu eröffnet

München - Raus aus der Enge der Residenz, rein in den luftigen Neubau: Das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst in München, das gestern von Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer und Kunstminister Wolfgang Heubisch eröffnet wurde, ist edel-schön gestaltet und begeistert mit seiner exzellenten Ausstellung.

Von Glücksgefühlen darf man sprechen: Nach einigen Appetithäppchen im fast leeren Haus mit Konzerten, Performances oder Schnupper-Pressekonferenzen ist der Besucher jetzt doch höchst angenehm überrascht von der fabelhaften Vollendung. Die kluge, zurückhaltende Architektur von Peter Böhm, die feinfühlige Ausstellungsgestaltung des Teams von der „Werft“ um Innenarchitekt Christian Raißle und vor allem die inhaltlich wegweisende Konzeptionierung der Schau gehen eine bemerkenswerte Harmonie ein. Sie führt den Kunstfreund nützlich und hilfreich – wer ist schon ein Altägypten-Experte? –, lässt ihm gleichzeitig alle Freiheiten, seiner Neugier und Spürnase zu folgen.

Böhm hatte einen langgestreckten, schlanken, relativ nüchternen Baukörper (Übergabe 2011) an der Gabelsbergerstraße parallel zur Alten Pinakothek errichtet. Den größten Teil des neuen Gebäudes nimmt die Hochschule für Fernsehen und Film ein. Damit das Ägyptische Museum (seit 1935 in ein paar Räumen der Residenz untergebracht) nicht untergebuttert wird, wagt die Architektur visuelles Pathos. Eine sehr breite Treppe fällt in flachen Kaskaden sanft nach unten. Obendrein wird der Eingang mit einer mächtigen Portalwand markiert (dahinter verbirgt sich der Lift für Gehbehinderte). Das ist imposant, und jeder darf sich an Tempelanlagen erinnert fühlen – und hat als Besucher selbst einen erhabenen Auftritt. Diese bauliche Rampen-Figur wird im Inneren aufgenommen und geleitet einen noch etwas tiefer. Trotzdem wird man dort im ersten Saal von Licht empfangen und hat überhaupt kein muffiges Kellergefühl.

Eine feine Rhythmisierung durch Vitrinen schuf das Büro „Die Werft“, das die Ausstellungsarchitektur realisierte.

Der Architekt hat einen Lichthof aus der „Vorgarten“-Wiese ausheben lassen, der unten von raffinierten Dreikant-Pfeilern umfasst ist. Geschickt inszenieren diese die Helligkeit. So entstanden zwei Tageslicht-Säle für die Themen „Kunst und Form“ mit Skulpturen und Porträts und „Kunst und Zeit“ mit plastischen Werken von 4000 v. Chr. bis zu den Römern der Kaiserzeit, die gern Ägypten spielten (siehe die Statue unten). Wechselt man danach in die fensterlosen Räume, befindet man sich logischerweise in den Gefilden „Jenseitsglaube“ oder „Religion“. Der dienenden Haltung der Architektur schließt sich die „Werft“ an und greift außerdem deren Grundstoffe Beton (aber sehr edler!), Stahl und Glas auf. Als Dunkel-hell-Folie treten sie stets hinter der Kunst zurück und erweisen sich, ob als Stelen-Vitrine oder Relief-Halterung, als idealer Rahmen. Die jeweiligen Medien-Würfel mit Berührungsoberfläche für weiterführende Informationen folgen dieser Optik. Kurzum: Alles (Kosten 35 Millionen Euro) ist aus einem Guss. Und exzellent ausgeleuchtet.

Deswegen kann Museumsdirektorin Sylvia Schoske ihre Themenbereiche als gelungene Einheit zusammenfassen, etwa „Sprache und Schrift“, und zugleich immer einen Höhepunkt herausstrahlen lassen. In „Jenseitsglaube“ ist es zum Beispiel die phänomenale und zutiefst menschliche Holz-Gold-Maske des Sargdeckels der Königstochter Satdjehuti (um 1600 v. Chr.; s. Foto), oder im Raum „Nach den Pharaonen“ ist es eine mädchenhaft charmante „Isis mit dem Horusknaben“ (1. Jh. n. Chr.). Man sieht deutlich das Vorbild für unsere Madonna mit Jesuskind.

Gerade diese Skulptur markiert eine der ganz großen und wohl einmaligen Stärken des Münchner Museums für Ägyptische Kunst. Es verharrt nicht wie die meisten anderen Häuser dieser Art im alten Ägypten, sondern blickt wach in die Nachbarschaft und in die Jahrhunderte vor- und nachher. Deswegen dürfen wir das Potenzial von Nubien und dem Sudan bestaunen, das ja schon Verdis „Aida“ inspiriert hat. Grandios, dass man einer 6000 Jahre alten „abstrakten“ Frauenstatuette begegnen darf oder diesen ungewöhnlich schönen Schalen, ganz abgesehen von dem stupenden Goldschmuck. In all dem spürt der Betrachter die zu oft vernachlässigte Kraft dieser Kultur zwischen Ägypten und dem übrigen Afrika. Viele Entdeckungen sind zu machen – und genau das bezweckt Chefin Sylvia Schoske mit ihrem Konzept: Bei dem tun sich nämlich immer neue Türchen auf, und die verlocken den Neugierigen zu vielen weiteren Museumsbesuchen.

Museum Ägyptischer Kunst: Bilder aus dem Neubau

Museum Ägyptischer Kunst: Bilder aus dem Neubau

Deswegen gibt es nicht nur ein Blinzeln hin nach Assyrien – auch wir haben einen Löwen vom Ishtar-Tor! – und einen ausführlichen und zum Teil richtig komischen Kommentar zu „Ägypten in Rom“, sondern auch viele Bezüge zum Christentum, Stichwort: Kopten. Bauplastik, Textilien (Schubladen), Grabstelen, etwa mit einem lieben Buberl samt Hund und Weintraube als Christussymbol, eröffnen uns vieles, was wir aus unseren Kirchen kennen.

Natürlich fehlen im Museum Ägyptischer Kunst deswegen nicht die typischen Altägypter: Würfel- und Steh-Schreitfiguren, Pharaonen wie Echnaton mit Nofretete und den Töchtern, Götter zwischen Amun, Horus und der oft sehr erotischen Isis, Amulette (wie andere Winz-Dinge toll präsentiert je in einer Art 3D-Lupe) oder bemalte Särge. Dort erklärt das Museum, dass es das Mumien-Tabu der alten Ägypter achtet. Sie zeigten nie die Leichname, denn sonst wären die Seelen verdammt worden. Wenn wir nun die mit Porträts oder Masken verzierten Särge betrachten, treffen sich Tod und Leben – aber auch wir Heutigen treffen da am intensivsten jene Menschen, die vor Jahrtausenden dahingingen. Nähe entsteht, die Zeitkluft schließt sich.

Simone Dattenberger

Informationen: von heute bis 15. 6., 10 bis 20 Uhr, geöffnet bei freiem Eintritt; ab 16. 6. Di.-So. 10 bis 18 Uhr, Di. bis 20 Uhr; Karte: 7 Euro, ermäßigt 5 Euro, sonntags 1 Euro, Kinder bis 16 Jahre frei; Katalog, C. H. Beck Verlag: 19,95 Euro.

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