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Christian Thielemann ist zu Gesprächen bereit, die Stadt blieb gestern hart: Er könne den vorliegenden Vertrag weiterhin unterschreiben.

„Mensch, wir müssen noch mal reden“

Philharmonie-Chef Thielemann im Interview

Bayreuth - Gut 230 Kilometer liegen zwischen dem Gasteig und dem Grünen Hügel. Genug, um Abstand zu gewinnen. Dementsprechend entspannt ist Christian Thielemann beim Gespräch unweit des Bayreuther Festspielhauses.

Dort, wo er gerade wieder mit dem „Ring“ Triumphe feiert. Im Oktober kehrt er ans Pult der Münchner Philharmoniker zurück – mit Bruckners unvollendeter neunter Symphonie. Das Werk passt: Noch immer kann sich Thielemann vorstellen, weiterzuverhandeln und über 2011 hinaus Chefdirigent zu bleiben. Trotz des Streits ums Letztentscheidungsrecht in künstlerischen Fragen bleibt also alles offen.

-Sind Sie gerade irritiert, enttäuscht oder wütend?

Irritiert, nee. Enttäuscht trifft’s auch nicht. Eigentlich bin ich sprachlos, auch wenn ich jetzt viel rede. Sogar einem mit Berliner Schnauze kann so was passieren. Ich rätsele nur noch.

-Ist denn das Tischtuch jetzt zerschnitten?

Das Tischtuch zwischen dem Orchester und mir ist ganz heil. Wir sind ja nicht böse aufeinander. Ich glaube, die Philharmoniker sind mit der Sache überfahren worden. Von wem auch immer. Ich habe das Gefühl, hier wird auf eine Trennung hingearbeitet. Und das von jemandem, dem dies nützt.

-In den offiziellen Stellungnahmen des Kulturreferenten und des Intendanten gibt es Töne, die darauf schließen lassen, dass man sich auf die Zeit nach Ihnen einrichtet.

Da haben Sie Recht. Ich kann diese Töne schlecht einschätzen. So wie ich die ganze Sache nicht einschätzen kann, weil es bislang keinen plausiblen Grund für eine Trennung gibt. Vielleicht kehrt irgendwann Ruhe ein, und man redet noch einmal vernünftig darüber. Unsere Pläne würden doch sonst kaputtgemacht. Auswärtige Veranstalter wie Luzern und Baden-Baden, die uns eingeladen haben, müssten sich dann ja andere Orchester suchen. Ich bin mit dieser Forderung nach Kompetenzverlagerung aus heiterem Himmel konfrontiert worden. Erstaunlich bei einem bereits verhandelten Vertrag. Aber eines muss klar sein, und das haben mir auch renommierte Kollegen bestätigt: Es handelt sich hier um keine unbotmäßige Forderung eines durchgeknallten Dirigenten. Wir tun das doch alle nur für die Kunst. Oder soll das etwa ein Plädoyer für pflegeleichte Personalien werden? Ich finde starke Persönlichkeiten, die auch zur Reibung zwingen, allemal besser als Weichspülis.

-Glauben Sie, dass schon ein Nachfolger in den Startlöchern steht?

Das glaube ich nicht. Ich kann mir aber vorstellen, dass schon Gespräche geführt worden sind. Das Problematische ist: Wenn ein Intendant kein Wort sagt, weiß ich ja nicht, worauf er hinauswill. Es wäre interessant zu wissen, wen man sich als Chef vorstellt. Vielleicht stellt man sich auch auf ein, zwei cheflose Jahre ein.

-Bei den Berliner Philharmonikern gibt es eine Art Direktorium mit Chefdirigent, Intendant und Orchestervertretern, das eben auch Strittiges verhandelt. Wäre das eine Konstruktion, mit der Sie leben könnten?

Es käme darauf an. Ich will mein Orchester prägen können. Mit einer Kompetenzregelung, wie sie in meinen Vertrag hineingenommen werden soll, kann ich es nicht. Aber man kann andere Konstruktionen durchaus diskutieren. Ich bin für Gespräche offen. Und ich wäre das nicht, würde ich nicht diese Unterstützung spüren. Ich habe Briefe im dreistelligen Bereich bekommen, Lippenstiftherzen wurden aufs Auto gemalt, Orchestermitglieder sind entsetzt – so etwas habe ich noch nicht erlebt. Lassen wir doch mal den Sommer rumgehen, da ist ja ganz München verreist.

-Wie sieht also der nächste Schritt aus?

Ich tauche im Oktober zu Bruckners Neunter in München voller Interesse und Freude wieder auf. Ich warte ab, was passiert. Ich bin schon mit dem Orchestervorstand verabredet. Und ich könnte mir vorstellen, dass auch andere auf die Idee kommen und sich sagen: Mensch, wir müssen doch noch mal reden. Wenn ich aber merke, man will das nicht, dann hat es wohl so sein sollen.

-Viele befürchten ja, dann werfen Sie in den verbleibenden beiden Spielzeiten alles hin.

Nein, nein, dazu bin ich zu professionell. Ich freue mich auf die vereinbarten Projekte.

-Will die Stadt den Schutzschild Thielemann weghaben, um die Philharmoniker billiger zu bekommen, womöglich mit weniger Orchesterstellen?

Könnte leider sein. Vielleicht wünscht man sich einen Dirigenten her, der in jeder Hinsicht formbar ist. Aber davon mal abgesehen: Kucken Sie sich doch mal die Kollegen an, auch in München. Zwei Positionen gleichzeitig sind da Standard. Ich habe immer nur eine gehabt. Und Bayreuth, das ist ja nun wirklich nicht saisonfüllend. Fehlendes Engagement in München oder zu viel Herumtanzen woanders kann man mir also wirklich nicht vorwerfen.

-Es wird von Ihrem Wechsel an die Semperoper gemunkelt. Wie attraktiv ist Dresden für Sie?

Es haben sich inzwischen vier Organisationen bei mir gemeldet, ich habe aber kein konkretes Angebot. Ich gebe zu: Die Oper fehlt mir. Deshalb will ich sie ja auch mit den Münchner Philharmonikern spielen, weil das auch dem Orchester guttut. Aber für mich ist momentan gar keine andere Stadt interessant, so lange ich das nicht in München geklärt habe. Und noch einmal: Ich empfinde die Lage als noch nicht geklärt.

Das Gespräch führte Markus Thiel

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