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Lieber Kaninchen kraulen als Ecken und Kanten: Gunther Eckes als Philipp Lahm.

Uraufführung von „Philipp Lahm“ in München

Philipp Lahm – sein Leben, ein Theater? 

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Ein Fußballerleben auf der Theaterbühne? Warum nicht! Michel Decar hat ein Stück über den Ex-FC-Bayern-Profi Philipp Lahm geschrieben. Robert Gerloff inszenierte die Uraufführung im Marstall des Münchner Residenztheaters. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik. 

München – Vorbild, Mustermann – langweilig. Trotz seines Erfolgs. Andere Fußballer lassen sich Prostituierte einfliegen oder nutzen die Hotellobby als WC. Nicht so Philipp Lahm, der Ex-Bayern-Spieler, der gerade zum Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft geadelt wurde. Dieser Biedermann ist kein Brandstifter, er steht für Anstand, Höflichkeit, Respekt. Das hat den 1987 in Augsburg geborenen Autor Michel Decar gereizt: „Seit Jahren sehe ich immer nur irgendwelche Arschlöcher auf der Theaterbühne: Faust oder Macbeth oder Don Juan, da ist ja einer schlimmer als der nächste“, hatte er im Deutschlandfunk erklärt. „Deswegen war es einfach mal an der Zeit, dass einer die Hauptrolle bekommt, der einfach ein ganz ein Lieber ist.“

Die Inszenierung dauert 90 Minuten – was sonst?

Philipp Lahm war zur Premiere eingeladen – er kam aber nicht.

In seinem neuen Stück „Philipp Lahm“ heißt es an einer Stelle: „Wie sollte ich die Kunst und die Gesellschaft voranbringen, wie sollte ich an die Zukunft glauben, wenn ich mich noch immer an der konfliktgeilen Dramaturgie toter Männer orientierte? Philipp Lahm hat den kompletten Shakespeare entwertet wie einen Einzelfahrausweis.“ Am Samstag wurde Decars Drama über einen Undramatischen im Marstall des Münchner Residenztheaters uraufgeführt. Robert Gerloff inszenierte den 90 Minuten (was sonst?) langen Abend ohne Halbzeitpause mit gutem Gespür für Tempo und Pointen.

Philipp Lahm selbst war zwar eingeladen, ist aber nicht gekommen. Statt seiner hat Hauptdarsteller Gunther Eckes alle Programmhefte vorab signiert. Doch „Philipp Lahm“ handelt natürlich nicht wirklich von Philipp Lahm. Decar nutzt vielmehr das Image, das öffentliche Bild des Ex-Sportlers, um über das Prinzip „Philipp Lahm“ nachzudenken: über eine Lebenseinstellung der stoischen Zufrieden- und Ausgeglichenheit, die im Widerspruch zur Hysterie und zum Selbstdarstellungszirkus unserer Zeit steht. Es geht dem Autor um den Lahm in jedem Menschen. Um jenen Teil in uns, der Ja sagt zu „fernsehen und früh ins Bett gehen“ und der das „Okidoki“ zum Lebensprinzip erhoben hat. „Manche sagen, ich bin so langweilig, dass es wehtut“, lässt Decar seine Figur erklären. „Na und? Ist doch geil.“ Eben.

In 72 Kurz- und Kürzest-Szenen ist der Text unterteilt, ein erzählerisches Dribbling durch ein Leben ohne Fouls, Ecken und Kanten – dafür mit Kaninchen kraulen, „Tagesthemen“ schauen, Nägelschneiden und weißer Nuss-Schokolade. Wo ein Fußballspiel 22 Mann benötigt, genügt Regisseur Gerloff einer: Gunther Eckes spielt Philipp Lahm herrlich naiv, beherzt und mit wunderbar stoischer Komik, in die nur manchmal platter Slapstick platzt. Johanna Hlawica hat Eckes in Stutzen gesteckt und ihm ein Jackett übers weiße Hemd gezogen, in das die Muskelpakete gleich eingenäht sind. Der fade Spießer ist auf dieser Bühne der einzige Superheld.

Eckes beherrscht das Stellungsspiel

Das Spielfeld, das Maximilian Lindner im Marstall bereitet hat, zieht sich von einer Greenscreen-Box auf der linken Seite über ein ordentlich-langweiliges Wohnzimmer und eine Freifläche vor einer Leinwand bis zu einer jener Plexiglastafeln in der Mixed-Zone, vor der Fußballer so gerne interviewt werden.

Eckes beherrscht das Stellungspiel hier mühelos. Doch das Drama, das einen unterhaltsamen Lauf nimmt, ist nur vordergründig ein Loblied auf all jene, die glauben, um ein „gutes oder softes oder meinetwegen glückliches Leben“ führen zu können, müsse man sich nur „von den allermeisten Dingen“ fernhalten. Florian Schaumbergers absurd-komische Videos entlarven, wohin das führen kann: Da zerlegt etwa ein Bagger die Wohnung, während Eckes abwartet und Tee trinkt. Kleine Derbheiten und zarte Ausbrüche gesteht der Autor seinem Philipp Lahm allerdings nur in Gesprächen mit Journalisten zu, die versuchen, Schmutziges vom Saubermann zu erfahren. Doch natürlich fängt Philipp Lahm das Gesagte rasch wieder ein: „Scherz.“ Das ist schade. Richtig interessant wäre es geworden, wenn Michel Decar das Spannungsverhältnis zwischen dem Rückzug ins Private und einem Engagement, das über Allgemeinplätze („Ich bin für die EU.“/ „Wählen ist wichtig.“) hinausgeht, genauer analysiert hätte. Andererseits: Wozu die Aufregung? Wir sind doch zufrieden, wenn das Leben erwartbar ist wie eine Pizza Margherita. Heftiger Applaus.

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