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Das Münchner „Traumpaar“ wiedervereint: Anja Harteros als Maddalena di Coigny und Jonas Kaufmann als Andrea Chénier.  

Premierenkritik zur Münchner Erstaufführung von „Andrea Chénier“

Wenig Platz im Wimmelbild

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München - Philipp Stölzl inszenierte für die Bayerische Staatsoper Umberto Giordanos „Andrea Chénier“ mit Jonas Kaufmann und Anja Harteros. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik.

Von rechts nach links geht die Revolution, von der Maximilianstraße Richtung innere Residenz. Immer neue Bühnensetzkästen rücken ins Blickfeld, ruckeln vorbei, ein kleiner Coup von Regisseur Philipp Stölzl ist das. Die rechte Seitenbühne des Nationaltheaters bietet bekanntlich nur wenig Platz, im Szenengetümmel werden also von hinten unmerklich Elemente nachgeschoben, angedockt, auf dass der Bilderbogen weiterzieht. Und getümmelt wird viel an diesem Abend, an dem Umberto Giordanos „Andrea Chénier“ seine Erstaufführung (!) an der Bayerischen Staatsoper erlebt. So viel, dass selbst Profis ins Stutzen kommen: Wer singt da überhaupt? Wo um alles in der Welt sind gerade die Protagonisten? Und ist es wirklich wichtig, dass gerade irgendwo irgendjemand eine Tasse Kaffee serviert?

Philipp Stölzl ist Kino-Mann 

Das Revolutionsdrama „Andrea Chénier“, gut hundert Jahre nach den tatsächlichen Ereignissen in Mailand herausgebracht, schnürt Regisseure und Ausstatter ins Korsett. Wie „Tosca“ und „Rosenkavalier“ ist es so stark verortet, dass nichts außer Historismus gilt. Am besten also gleich einen Regisseur holen, der noch nie Lust verspürte auf aktualisierende Ambition, dafür auf bildmächtiges Gepuzzel. Wie schon 2015 bei den Salzburger Osterfestspielen, bei „Cavalleria rusticana“ und „Pagliacci“, vertraut Stölzl mit Co-Bühnenbildnerin Heike Vollmer auf sein Prinzip der aufgeschnittenen Häuser. Spannend war das an der Salzach. Weil dies Stölzl, dem Kino-Mann, die Möglichkeit gab, Erzählstränge parallel laufen zu lassen, Filmschnitte zu simulieren, auch durch Projektionen zu vergrößern und zu verdichten. Live-Oper als Simultanfilm, hochpräzise choreografiert, das kann ziemlich erkenntnisreich sein.

Die Premierenbesetzung - ein Luxus

In München sieht das anders aus. Da zerbröselt Stölzl das Stück im Kleinklein. Ein überinszenierter erster Teil, der das Wohl und Wehe dieser Revolutionsgesellschaft einfangen will, von den Geschehnissen im Kabinett der Gräfin von Coigny bis zur schimmligen Unterwelt, die den Umsturz gebiert. Alles und allem will Stölzl gerecht werden. Das geht so weit, dass die eigentliche Geschichte – im Grunde ein simples Kräftedreieck – vollkommen überwuchert wird. Nach der Pause wird das besser, aber auch nur deshalb, weil Giordano da seinen Helden ihre stärksten Szenen schenkt. Ein teurer Aufwand wird getrieben, eine Opulenz mit Langlaufgarantie. Die jeweiligen Abendspielleiter müssen nur darauf achten, dass das Passepartout für die Stars stimmt. Und die dürfen, wie mutmaßlich hier passiert, in einer späten Probenphase einsteigen und im Selbstlauf ihre oft gesehene Intensität abliefern. Das muss kein Nachteil sein wie bei dieser Premierenbesetzung. Was für ein Luxus! Jonas Kaufmann in der Titelrolle, nach viermonatiger Zwangspause auch in München wieder aktiv, Anja Harteros als Maddalena, dazu Luca Salsi, der den Gérard derart phonmächtig ins Nationaltheater meißelt, eine Tour de Force de Bariton, die schon während der Aufführung die Gala-Gäste in Verzückung versetzt.

Jonas Kaufmann ist noch nicht bei 100 Prozent

Kaufmann, das zeigt die Premiere, ist noch nicht auf 100 Prozent. Schon beim Rollendebüt vor zwei Jahren in London war zu hören: Der Chénier, so imponierend kraftvoll das wirkte, ist eine Grenzpartie. In München wagt sich der Star in Bild eins und zwei noch nicht aus der Deckung. Es gibt Taxiertes, Vorsichtiges, und höre da – die selbst verordnete Motorbremse steht dem Tenorissimo gar nicht schlecht. Die beiden Solo-Nummern, obwohl phrasierungstechnisch versteift, bieten dann gewohnte Überwältigungsmomente. Doch im Finale, beim großen Duett, kann Kaufmann nurmehr andeuten. Im Juni will er sich in London mit Verdis „Otello“ erstmals auf den Everest der Tenöre wagen, es kann eng werden.

Münchens „Traumpaar“ der Oper ist wiedervereint

Wie immer, wenn das „Traumpaar“ zusammentrifft, wird offenbar, dass mehr Unterschied an technischem Selbstverständnis eigentlich kaum geht. Anja Harteros nähert sich Giordanos Verismo von der entgegengesetzten Seite. Mit viel Lyrik und klug austariertem Stimmeinsatz. Maddalenas „La mamma morta“ ist ein fein ausgehörtes,  grandios  gesteigertes Psychogramm. Überhaupt breitet die Harteros ihre große Zwischentonkunst aus, ist aber auch fähig zu erstaunlichen Dezibelausschlägen. Sehr viel erfährt man über diese Figur allein aus der Vokalgeste. Am Ende, als der Partner schwächelt, hält sich Anja Harteros zurück – was für eine Kollegin.

Der Joker aus „Batman“ stolpert durchs 18. Jahrhundert

Überhaupt braucht es in Philipp Stölzls Wimmelbildern zur Durchsetzung vor allem eines: weniger Muskelspiele, sondern eine große Persönlichkeit. Das glückt auch in kleineren Rollen bei Doris Soffel als bizarr überdrehter Gräfin von Coigny, bei Elena Zillo als Madelon und Tim Kuypers (Mathieu), hier ein ins 18. Jahrhundert zurückgestürzter „Batman“-Joker. Wie die Regie streift der Mann im Graben weniger mit der Muskete durchs Werk. Vollmundig, saftig, gern mal grell, so versteht Omer Meir Wellber seinen Giordano. Es gibt viel auf die Ohren und noch mehr für die Galerie, manche Dirigierbewegungen sind kaum zweckdienlich. Dass alles gut ausgeht, ist dem Bayerischen Staatsorchester zu verdanken, das gerade an solchen Abenden seine immensen Qualitäten ausspielt. Nach zweieinhalb Stunden ist der Abend fast beim Knalltrauma und der Titelheld um ein entscheidendes Detail kürzer. Triumphierend reckt Mathieu einen liebevoll modellierten Kaufmann-Kopf in die Höhe. Das einzige Requisit, das in den kommenden 15 Jahren ausgetauscht werden müsste. 

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