Philipp Poisel begeisterter seine Fans in der Münchner Olympiahalle.

Am Freitagabend in der ausverkauften Olympiahalle

Konzertkritik: Phillipp Poisel lässt seine Fans dahinschmelzen

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München - Bei ihm hat man ja immer das Gefühl, dass er nur für sich singt. Und für diese eine tolle Frau natürlich. Freitag Abend in der ausverkauften Münchner Olympiahalle wünschten sich so einige der Damen, diese eine zu sein.

Sehnsuchtsvolle Blicke, als Philipp Poisel auf der in sanftes Grün getauchten Bühne die Frage "Wo fängt dein Himmel an?" ins Mikrofon haucht.

Aus Grün mach Kerzenlicht-Gülden - sanft wandelt sich der Bühnenhintergrund zu einer tropischen Landschaft samt Brücke. Und wenn die ersten Zeilen zu "Halt mich" erklingen, pfeift die Lokomotive, die auf der Leinwand entlangtuckert, tatsächlich. Jubel im Publikum.

Der 33-Jährige ist bekannt für seine herzzerreißenden Texte - und die, nun ja, etwas nuschelige Vortragsart. Macht gar nichts. Die Münchner sind textsicher. Spätestens zu "Erkläre mir die Liebe" sind sie dahin. Auffallend wenig Handykameras filmen an diesem Abend mit. Stattdessen schmiegen sie sich alle in den Nebel, der die gesamte Halle erfüllt. Und träumen sich davon.

Bis der Sänger sich vom sicheren Bühnengrund an die Spitze des Stegs wagt, mitten hinein in die Menge. Und dann ganz schnell zurück zu der Band. Mit ihr war er fürs neue Album ja kürzlich in Amerika. Was sie da alles an Blues und Country aufgeschnappt haben, beweisen sie zu Hits wie "Zünde alle Feuer", dem die USA-Frischzellenkur gutgetan hat. Schön, dass auch noch kulturell Hochwertiges aus den Staaten kommt. Passend dazu holt Poisel die Fackeln heraus. Wie die Flamme der Freiheitsstatue lodern sie in der Saalmitte. Kompliment an die Veranstalter, dass das beim heutigen Sicherheits-Wahn erlaubt wurde. Wunderschön das Duett mit Alin Cohen, "Bis ans Ende der Hölle". Ein intimer Moment, der in schönste Höhen steigt, als die Streicher einsetzen.

Ja, Poisel ist ein sensibles Bürschchen. Doch - wie wunderbar! - hat sich trotz Herzschmerz seine Kindlichkeit bewahrt. Eine solch liebevolle Bühnendeko wie die zu "Zum ersten Mal Nintendo" hat man in der Olympiahalle selten gesehen. Rucksack-großer Gameboy, Nintendo-Figuren und dann - echt wahr! - rollt er noch mit Inline Skates über den Bühnensteg. Willkommen zurück in der Kindheit! So nostalgisch berührt, selig verzückt nimmt er uns mit in den Schwarzwald. Der Chor in Tracht gewandet, spielen sie uns zu seinem Gesang Hauffs Märchen "Das kalte Herz" vor. Der Mond scheint über das Dorf auf Großleinwand. Und spiegelt sich in den funkelnden Augen all der Fans, die wieder aussehen wie Kinder vor dem hell erleuchteten Christbaum. Ein Abend wie ein glitzerndes Geschenk. Danke, Wuschelkopf!

Katja Kraft

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