Dem Philosophen auf den Leim gegangen

- Philosophie light im Spaßsalon der Münchner Kammerspiele. Im dritten Stock des Neuen Hauses betritt der Besucher eine Kitsch- und Krabbellandschaft: Teppiche bedecken den Boden, Plastikpalmen bestücken den Raum, dazu ein halbhoher Baumstamm, davor ein Deko-Leopard. Auf einer Empore ein verzerrtes BMW-Poster hinter weißem Lustsofa. Eine Podestinsel in der Mitte des Raumes, darauf kleine, runde Kissen - Sitzplätze für jene Zuschauer, die auf den letzten Drücker kommen. Ansonsten hockt man eine gute Stunde lang auf teppichbelegten Stufen. Also es ist richtig schön scheußlich hier.

Dann geht's los - zunächst allerdings nur hinter einer weißen Gardine, wo vier Schauspieler zu "Macarena" die Klobürsten tanzen lassen. Das bringt Stimmung, das macht Spaß. Per Video ist das alles auf zwei Leinwänden zu sehen. Und zu hören, was die Akteure unter Anleitung von Autor und Regisseur René´ Pollesch unter dem Titel "Schändet eure neoliberalen Biografien" über ihre eigene intellektuelle Befindlichkeit so mitzuteilen haben. Nachdem das etwa 15 Minuten lang mit erstaunlich geringem Wortschatz so gegangen ist, verlassen sie ihre gemütliche Matratzengruft hinterm Vorhang, nehmen nun sichtbar Platz auf vier Schaumstoffwürfeln, die für die Männer cowboymäßig gesattelt sind.

Und das Gequatsche geht munter weiter. Festgeschrieben wurde und gesagt wird alles, was die Schauspieler im vierwöchigen Probenprozess zur gesellschaftlichen Lage, zu Freiheit und Individuum, Scheindemokratie und Diktatur gedacht und diskutiert haben. Und wer gerade sein Statement abgegeben hat, bäumt sich jeweils wie erlöst oder als sei er durch einen Schuss getroffen kurz auf. Zwischendurch dreht Gundi Ellert ein paar Pirouetten.

Biologischer Nullwert

Die dreht hier auch René´ Pollesch, der Mann von der Berliner Volksbühne, der gern ernst gemeinte Gesellschaftstheorien im harmlosen Gewand jugendlicher Spaßkultur auf die Bühne bringt. Das hat seine Berechtigung in dem Moment, da es vom gewünschten Adressaten, den höchstens 20-Jährigen, verstanden wird. Was aber über die laute Oberflächen-Kritik hinaus kaum gelingen dürfte. Denn Pollesch setzte in seinem philosophisch angehauchten Probendiskurs die Schauspieler auf ihnen vermutlich neue Spuren. In diesem Fall auf die des Volksbühnen-Hausgotts Giorgio Agamben. Der ist ein Philosoph aus Rom, der mit radikalen Systembemerkungen zur "globalen Maßlosigkeit" für manch Aufsehen gesorgt hat.

Denn mit dem Begriff "Biopolitik" führt er den Menschen auf seinen biologischen Nullwert zurück. In den Häftlingen der KZ sowie in den Flüchtlingen von heute sieht er die "Verkörperung des Homo Sacer", des vollkommen Rechtlosen, auf sein nacktes Leben Reduzierten. Menschenrechte und Konzentrations- oder Flüchtlingslager, so Agambens unbequeme These, seien kein Gegensatz. Die Proklamation der Menschenrechte habe die Lager erst ermöglicht, und ihre Neuentstehung und Ausweitung sei zwangsläufig.

Dies also die ideologische Basis der Pollesch-Produktion in den Kammerspielen. Aber in der theatralen Aufbereitung bleibt es nur bei Allgemeinplätzen und Platitüden: Nazis und Hurrikan, Eichinger und Guantanamo, Moretti und Marokko. Abgesehen davon, dass Pollesch und sein Team blindlings der Schicksalsgläubigkeit des italienischen Denkers auf den Leim gehen: Eine weniger oberflächliche Auseinandersetzung wäre ja wünschenswert. Dann wären die Akteure vielleicht auch dahinter gekommen, dass sie ja selbst Teil und Nutznießer sind dieser Neoliberalität. Und dass ihre hier vorgegebene Identität auch nur eine gelogene ist.

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