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„Warum ist ein derart seltsames Wesen wie der Mensch geschaffen worden?“ Candide (Sebastian Blomberg, Mi.) und seine Gefährten (Elisabeth Schwarz, Michele Cuciuffo, Jörg Ratjen und Hanna Scheibe, v. li.) suchen in Friederike Hellers Voltaire-Adaption nach Antworten.

Philosophie und Tupperware

München - Kreisch! Was für eine Achterbahnfahrt. Ach was! Ein quietschbunter, philosophischer Doppel-Looping ist dieser Theaterabend, mit einigen Höhepunkten und wenigen Durchhängern.

Eine Gaudi, gewiss. Doch trotz allem unterhaltsamen Quatschs ist Friederike Hellers Bühnenadaption von Voltaires „Candide" bedenkenswert und manchmal gar schmerzhaft leise.

Am Freitag war im Münchner Residenztheater Premiere. Die Inszenierung ist eine der wenigen Roman-Adaptionen, die Intendant Martin Ku(s)ej in seiner ersten Spielzeit zeigt. Sie ist gelungen, weil die Regisseurin einen eigenen Zugang zu Voltaires philosophischer Erzählung aus dem Jahr 1759 gefunden hat. So kann ihr Abend unabhängig von der Vorlage bestehen.

Der französische Philosoph rechnet in „Candide“ mit dem Optimismus im Allgemeinen und vor allem mit Gottfried Wilhelm Leibniz’ These ab, wir würden in der besten aller möglichen Welten leben. Um dies zu widerlegen schickt Voltaire seine arglose Titelfigur durch die Welt, wo ihr andere Menschen ebenso übel mitspielen wie die Natur: Voltaire verarbeitete unter anderem die Erdbeben-Katastrophe von Lissabon im Jahr 1755, in deren Folge nicht nur Philosophen diskutierten, wie ein gütiger Gott ein solch verheerendes Unglück habe zulassen können.

Für ihre 90 Minuten lange Inszenierung hat Heller aus der Vorlage eine knackige und kluge Fassung destilliert, in der sie Voltaires Text nochmals überdreht, um dessen Boshaftigkeit auch nach 252 Jahren blitzen zu lassen. Dankbar stürzt sich das spielwütige und komische Schauspieler-Quintett um Sebastian Blomberg als Candide in Hellers Fassung, die von der Regisseurin als Kombination aus Live-Hörspiel, Nacherzählung und karikaturhaften Dialogen vogelwild eingerichtet wurde. Manchmal aber steigt Heller in die Eisen und nimmt Tempo raus: Trotz aller Übertreibungen steht dann etwa die Lebensgeschichte, die aus Elisabeth Schwarz als alter Zofe herausbricht, stellvertretend für die Unterdrückung der Frauen in der Weltgeschichte.

Nächste Vorstellungen

am 7., 9. und 23. Dezember;

Telefon 089/ 21 85 19 40.

Diese Momente auf der nackten Bühne, über die Sabine Kohlstedt den Himmel voller Tupperware und anderer Arbeitsgeräte gehängt hat (Voltaire kann schließlich nicht erklären, warum es das Übel gibt, sondern lässt Candide das Heil in der Arbeit suchen) erden den schrillen und wortwitzigen Abend. Das gilt auch für die Hamburger Band Kante: Die Musiker um Peter Thiessen haben bereits mehrfach mit Friederike Heller gearbeitet - für „Candide“ haben sie Voltaires Textpassagen zu Songs umgearbeitet und interpretieren diese live im Hintergrund. Dabei tritt die Musik oft in Dialog mit Philipp Haupts sorgsam gewählten Videosequenzen. Als Candide einen Sklaven trifft, laufen auf dem Prospekt Werbebilder aus dem 20. Jahrhundert, die rassistische Stereotype zelebrieren. Beste aller Welten?

Es sind gerade diese schnellen, harten Wechsel vom Breitwand-Kasperltheater zu genau platzierten Nadelstichen, die den Reiz dieses Abends ausmachen.

Michael Schleicher

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