Physik und Philosophie

- "Eingang nur für Artisten" steht über der Tür - das Publikum, vom Fünfjährigen zum Erwachsenen, geht einfach hindurch. Denn das ist ab heute das Motto im großen Theaterzelt des Münchner Sommer-Tollwood-Festivals. "Jeder muss sich als Akteur verstehen", erklärt der Regisseur, Schauspieler und Maskenbauer Michael Vogel, "weil er das ist, ob er will oder nicht."

Keine Angst, dies ist kein Mitspieltheater - im Circus Quantenschaum beeinflusst das Publikum das Geschehen, ohne es zu bemerken. Vogel: "Es gibt niemand, der guckt, sondern der guckt, ist Teil des Ganzen." Denn das traumhafte Theater verführt den Zuschauer zur Identifikation mit den Artisten.

Es tut dies durch die kuriose Verbindung von Kunst und Wissenschaft, die der Zirkus bereits in seinem Titel trägt. "Quantenschaum" - das klingt nach Seifenblasen und Spaß, andererseits beschreibt es ein rätselhaftes physikalisches Phänomen. "Für mich war das einfach ein fantastischer Begriff", schwärmt die Taufpatin, Renate Heitmann. "Wo sich alles auflöst, wo es keine Zeit mehr gibt, kein Gestern und kein Morgen, aber trotzdem alles da ist."

Die Projektleiterin des Circus Quantenschaum ist eigentlich Theaterleiterin der bremer shakespeare company. Doch während einer gemeinsamen "Wintermärchen"-Inszenierung mit Michael Vogel, bekannt vor allem als Mitglied der Berliner Masken-"Familie Flöz", schufen die beiden im Rahmen des Bremer Projektes "Stadt der Wissenschaft" eine fantasievoll komplexe "Reise ins Ungewusste" mit elf internationalen Artisten, zwei Schauspielern und vier Musikern, die in Bremen im vergangenen Jahr 30 Mal aufgeführt wurde. "Mir hat gefallen, den Zirkus als Theater zu begreifen", erzählt Vogel, "und als Metapher für die Möglichkeiten des Bewusstseins an sich". Das Energiefeld der beschränkten menschlichen Wahrnehmung aufzubrechen und zu erweitern, das sehe er als die große Aufgabe der Kunst.

Aber Quantenphysik - ist das nicht viel zu schwer und rational für einen Zirkus? "Eben nicht", rufen Heitmann und Vogel wie aus einem Mund und berichten begeistert von ihren Gesprächen mit dem Münchner Atomphysiker Hans-Peter Dürr. In Worte gefasst, sei dessen Wissenschaft "die wahre Poesie und Philosophie". "Auch die Physik ist eine fantastische Welt", so Vogel, "eine Welt, in der Menschen Dinge erfinden, finden, interpretieren, fast so wie wir, nur in Zahlen".

Und so werden im Quantenschaum-Zirkus Hochrad-Jongleure und Trapezkünstler, Clowns und Seiltänzer immer wieder mit Fragen nach dem Unmöglichen konfrontiert, gestellt etwa von den beiden maskierten Erzählern, einem alten Mann und einem kleinen Mädchen - "ein Bild für die Lebensspanne, die für uns relevant ist" (Vogel) -, und begleitet von den Musikstücken, die Willy Daum assoziativ zu jedem "Quantenschaum"-Buchstaben komponiert hat. Wo und wie die artistisch-wissenschaftliche "Reise ins Ungewusste" dann endet, muss jeder Zuschauer für sich selbst erforschen. Nur etwas verrät Heitmann: "Du weißt am Ende, dass du gar nicht so viel weißt."

16. Juni bis 9. Juli; diesen Mi. u. Do. um 17 Uhr. Info und Karten: 07 00/ 38 38 50 24; 089/ 38 38 50 15; www.tollwood.de.

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