Sattelte zwischenzeitlich auf Investment-Banker um: Josef Bulva gibt ein Konzert im Prinzregententheater. foto: artelino

Pianist Bulva meldet sich nach Handverletzung zurück

München - 14 Jahre ist es her, dass Josef Bulva den Albtraum eines jeden Pianisten durchleben musste. Ein Unfall raubte dem aus Brno stammenden Künstler die Beweglichkeit seiner Hand und zwang ihn eine international erfolgreiche Karriere zu beenden, um sich neu zu orientieren.

So ganz ohne Musik wollte es aber wohl doch nicht gehen. Und so tastete sich Josef Bulva nun mit ärztlicher Unterstützung und eiserner Disziplin wieder an sein Instrument heran. In München meldet sich der 67-Jährige am 19. Oktober mit einem Solo-Abend im Prinzregententheater zurück.

-Diese Tournee markiert eine Rückkehr nach 14 Jahren. Wie nervös ist man da?

Nervös nicht. Es ist mehr eine gesunde Anspannung, Lampenfieber habe ich schon früher nie gehabt. Wenn ich spiele, habe ich eine Verantwortung gegenüber dem Publikum und dem Komponisten. Da arbeiten immer die Nerven mit. Aber ein Chirurg kann ja auch nicht mit zitternder Hand operieren. Also man muss versuchen, mit einer anderen Emotion auszugleichen, sich ganz in die Musik hineinzuwerfen.

-Wie fühlt man sich, wenn einem das wichtigste Werkzeug auf einmal nicht mehr gehorchen will?

Es gibt kein Wort, das dieses Gefühl beschreibt. Das ist, als ob ein Maler blind wird. Im ersten Moment erkennt man gar nicht die Tragweite. Aber plötzlich ist das ganze Leben anders, und man steht mit 56 ohne Zukunft da.

-Es gibt auch Stücke für eine Hand. Wäre das nicht eine Alternative gewesen?

Das ist ein heikles Thema, das viele Leute nicht verstehen. Selbstverständlich ist zum Beispiel der Klavierpart in Beethovens Trios sehr wichtig, aber es ist eben kein Tschaikowsky-Konzert. Das kann man schönreden, so lange man will. Ein Konzert für die linke Hand ist in Ordnung, wenn Sie eine Woche später wieder das Fünfte von Beethoven spielen können. Mit einer Hand wird auf Dauer kein Virtuose glücklich werden.

-Kam deshalb der radikale Bruch, sich gleich vollständig aus dem Musik-Business zu verabschieden?

Ja. Man wird ja aus einem ganz bestimmten Grund Solist. Nicht, weil man halt die Technik und den Rhythmus hat, sondern weil man raus auf die Bühne möchte und eigene Ideale verwirklichen will. Nur noch hinter den Kulissen die Fäden ziehen oder unterrichten? Wozu? Das bringt doch nur Schmerz und Trauer.

-Ihr neuer Beruf war dann eine Drehung um 180 Grad.

Ich wurde schon als Kind darauf gedrillt, immer etwas zu tun. Egal was. Und so habe ich mir quasi autodidaktisch das Investment-Banking beigebracht. Und das sogar ziemlich erfolgreich. Das war ein notwendiger Schritt, weil ich ja für mich und meine Mutter sorgen musste. Nach Monaco hatte ich schon vorher meine Verbindungen. Also bin ich dann nach Monaco gegangen und habe von da aus eine neue Karriere begonnen.

-Woher kam dann letztlich Ihre Entscheidung, nun doch wieder zurück auf die Bühne zu gehen?

Als ich 60 Jahre alt war, ging das mit den Finanzen ganz gut, doch das Wissen um Klavierspiel und Interpretation lief in meinem Kopf trotzdem immer weiter. Seit ich neuneinhalb Jahre alt war, war das Klavier mein Leben. Das lässt sich einem, der nicht aus dem professionellen künstlerischen Bereich kommt, schwer vermitteln. Man ist nicht zufrieden, wenn man nur weiß, wie es geht. Man will es auch machen und sich selbst beweisen.

-War es ein schwerer Weg zurück?

Wissen Sie, als Kind habe ich mich früher eingeschlossen und stundenlang geübt. Ich habe mir gesagt: Wenn es sein muss, dann machst du das eben wieder. Kunst ist eine Sache und Technik eine andere. Aber ohne Technik können Sie keine künstlerischen Ideen umsetzen. Nicht einmal langsame Sätze spielen oder eine Pause präzisieren. Das, was im Leben Geld und Sex ist, das sind für einen Pianisten Oktaven und Pianissimo.

-Gibt es Stücke, bei denen sich Ihre Sicht über die Zwangspause hin geändert hat?

Früher hat man mir manchmal ein zu trockenes und belehrendes Spiel vorgeworfen. Mit Recht. Es war für mich eine notwendige Phase eines auf die Länge disponierten Weges.

-Und jetzt kommt also der weise Altersstil?

Das ist ein heikler Begriff und eine Begrenzung. Selbstverständlich bringen Erfahrungen und angesammeltes Wissen spezielles Verständnis und Betrachtungen. Aber diese sind determiniert durch die altersbedingten manualen Fähigkeiten. Der Interpretationsstil muss auch „ankommen“, verstanden werden. Vieles mache ich heute anders. Das hat auch einer Ihrer Kollegen bei meinem ersten Konzert gemerkt, dass ich mich jetzt um eine intensivere Kantabilität bemühe. Viele Musiker lesen ja angeblich keine Kritiken.

-Sie schon?

Wenn ein Kritiker über mich schreibt, dass ich nicht mehr Klavier spielen kann, dann muss ich damit leben. Wenn ein anderer schreibt, dass ich ein Genie bin, ist das auch gut. Man muss immer im Hinterkopf haben, dass man sich über die gute Kritik nur so viel freuen darf, wie man sich über die schlechte ärgert. Das darf man nie vergessen.

Das Gespräch führte Tobias Hell.

Konzert am 19.10. im Prinzregententheater. Karten unter Tel. 0180/ 54 81 81 81.

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