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Nur nicht in die Enge treiben lassen: Francesco Tristano (29) stößt mit dem Flügel in ungewohnte Welten vor.

Ein Pianist und seine Liebe zu Bach als Techno-Meister

München - Der Pianist Francesco Tristano passt in keine Schublade. Am kommenden Montag debütiert der 29-Jährige in der Allerheiligen-Hofkirche. Vorab sprach er über seine Liebe zu Bach und der modernen Musik.

Francesco Tristano – kann man tatsächlich so heißen? Der junge Mann mit dem dunklen Lockenkopf grinst: „Natürlich, es sind meine ersten beiden Vornamen.“ Und die Mama, eine halbe Italienerin und eine ganze Wagnerianerin, hat sie ausgesucht. „Ohne Musik lief bei uns gar nichts“, strahlt der Luxemburger, der die Leidenschaft seiner Mutter zum Beruf gemacht hat: Francesco Tristano ist Pianist. Und als solcher geht er ganz bewusst seine eigenen Wege und verweigert sich gängigen Schubladen. Am kommenden Montag, 11. April, debütiert Tristano in München, und zwar in der Allerheiligen-Hofkirche.

Vielleicht schlägt auch bei der musikalischen Vielfalt das Elternhaus durch, denn zu Hause wurde von früh bis spät allerlei Musik gehört – nicht nur Wagner, dessen „Parsifal“ Tristano noch heute auswendig kennt. Auch Barockes, World Music oder Rock „infizierten“ den Jungen, der schon als Knirps am Klavier improvisierte und kurz darauf seine erste Liebe entdeckte: Johann Sebastian Bach. „Mich interessiert nur Bach“, erklärte er als Sechsjähriger seiner Lehrerin.

Natürlich begegnete Francesco Tristano im Lauf seiner Studien (unter anderem an der New Yorker Juilliard School) dem breit gefächerten Klavier-Repertoire, aber der Thomaskantor blieb sein Fixstern. „Bach ist ein Projekt fürs Leben“, gesteht der 29-Jährige, den es fasziniert, dass Bachs Musik von jeder Epoche für sich erobert wird. Vom romantischen 19. genauso wie von den Originalklangsuchern im 20. Jahrhundert. Oder von den Jüngsten, die mit Pop und Techno aufwachsen. Tristano interessieren Polyphonie und Artikulation von Bach oder auch Frescobaldi, Couperin und Rameau so sehr, dass er seine Studien aufs Cembalo ausdehnte: „Es ist ein Zupf- und kein Schlaginstrument. Der Anschlag funktioniert anders, und wenn man die Taste loslässt, gibt es einen kleinen Widerstand samt Geräusch. Im Gegensatz dazu ermöglicht das Pedal beim Klavier eine ganz andere Resonanz…“ Dennoch ist Francesco Tristanos Instrument das Klavier. Mit ihm stößt er in ungewohnte Klangwelten vor. Er spricht von „elektronischer Postproduktion“ und beschreibt damit seine Aufnahmemethode, bei der er „die ganze moderne Studiotechnik“ ausnutzt.

Das Jonglieren mit dem Klang treibt Tristano auch auf dem Podium so weit, dass zum Klavierspiel gleichzeitig die elektroakustische Aufnahme vom Laptop läuft. „Ich betrachte auch die Alte Musik als zeitgenössisch und möchte etwas Innovatives damit machen. Die klassische Musik ist für mich eine lebendige Kunstform.“ Keineswegs geht es ihm dabei um eine Bach-Version im Techno-Beat oder um Crossover. Auf seiner ersten CD (bei Deutsche Grammophon), die vom bekannten Techno-Produzenten Moritz von Oswald betreut wurde, vereint er Werke von Bach und John Cage – im neuen Sound. „Die CD klingt nicht unbedingt wie eine klassische Platte. Ich hoffe, dass sie auch Leute anspricht, die elektronische Musik mögen.“ Zwei eigene kleine Stücke kommen dazu, mit denen sich der Pianist als „Kurator dieser Klanginstallation“ vorstellt. Für Francesco Tristano gibt es kein Entweder/Oder, genauso wenig mag er die Unterteilung in E(rnste)- und U(nterhaltungs)-Musik.

Neben seiner Vorliebe für Barockes gilt sein Interesse auch der Neuen Musik. Er hat sich mit Boulez beschäftigt, mit Messiaen und mit Berio, dessen komplettes Klavierwerk er einspielte. Auch mit jungen amerikanischen Komponisten, die er an der Juilliard School kennenlernte, arbeitet der in Barcelona lebende Luxemburger gern zusammen. Zum üppigen Repertoire der Romantik fühlt er sich dagegen nicht hingezogen, räumt Francesco Tristano ein und schwärmt weiter vom Gleichgewicht, das er mit Klavier und Computer gefunden hat. „Ich habe ja schließlich auch zwei Beine…“

Von Gabriele Luster

Konzert am 11. April, 20 Uhr, in der Münchner Allerheiligen-Hofkirche; Tel. 089 / 93 60 93.

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