Große, schnelle Boote, hier ein Modell, waren Voraussetzung für den kulturellen Aufstieg der Kykladen-Bewohner.

Ausstellung

Picassos Ahnen

München - Die Archäologische Staatssammlung erzählt in „Kykladen – Frühe Kunst in der Ägäis“ von einer Hochkultur.

Bei „Kykladen“ kommt der Griechenland-Genießer ins Schwärmen, und die locker in die blaue Ägäis gestreute Inselgruppe um Delos steht ihm vor Augen. Der Kunstfreund wiederum preist mit leuchtenden Augen die dortige uralte Kultur, weil sie mit ihren abstrahierten Figuren die Moderne vorwegnahm. Und dem Auktionator lacht ebenfalls das Herz, denn so ein Kykladen-Idol erreicht heute bei Versteigerungen locker zweistellige Millionensummen. Deswegen war selbst bei den Journalisten, die ja viel sehen, die Neugierde groß, als die Archäologische Staatssammlung München zur Ausstellung „Kykladen – Frühe Kunst in der Ägäis“ einlud. Federführend ist bei diesem Projekt das Badische Landesmuseum Karlsruhe, das „über die größte Sammlung von Kykladen-Idolen nördlich der Alpen“ verfügt, wie Kuratorin Katarina Horst betont. Diese Schätze kann der Besucher jetzt im Museum bestaunen, angereichert mit Werken aus eigenen Beständen – und einer sinnlichen und intelligenten Inszenierung durch Ranger Design, Stuttgart.

Die Gestaltung nimmt die Zielsetzung der Wissenschaftler (auf Münchner Seite Harald Schulze) auf: Es sollen nicht einfach die kostbaren und einzigartigen Statuetten sowie einige Gefäße vorgezeigt werden. Vielmehr will man den Menschen des 21. Jahrhunderts die Menschen vor 5000 Jahren vorstellen. Die Steinzeit ging 3000 v. Chr. langsam in die Bronzezeit über. So wie heute das Internet die Kultur verändert, war es damals die Möglichkeit, Metall zu verhütten. Und da waren die Leute privilegiert, die auf den Inseln im Kreis – deswegen „Kykladen“ – um Delos siedelten. Zwischen Orient, dem griechischen Festland und Kreta wohnend durften sie Ideen, Techniken und Waren verschiedener Kulturen kennenlernen. Außerdem standen ihnen Rohstoffe wie Obsidian (beim Zerbrechen ergeben sich scharfe Klingen), Marmor, Bimsstein, Metalle oder Farbsteine, etwa Malachit, zur Verfügung. Was sie daraus machten? Eine tausendjährige Hochblüte. Dabei waren die ja doch vereinzelten Inseln kein Problem.

Deswegen zeigt die Ausstellungsarchitektur auf einem Riesen-Teppich zunächst einmal das Geriesel von Eilanden im Meer und auf Großfotos die diversen Gestade. Das Modell eines einst wohl 17 Meter langen (Kriegs-)Schiffs erklärt auf der Grundlage von Forschungen der Universität Heidelberg, dass die Insulaner fix unterwegs waren. Reibungslos funktionierte der Austausch von Rohstoffen, verarbeiteten Waren wie Waffen, Schmuck oder Kultgegenständen, den Idolen (griechisch: „Eidolon“ = „Abbild“). Es entstand ein einheitlicher kultureller Raum, wie Schulze erklärt. Die Skulpturen gab es zwischen Siphnos im Westen, Thera im Süden, Andros im Norden und Amorgos im Osten auf jeder Insel – und sie unterschieden sich nicht.

Für die Einheimischen waren sie religiös-magisch aufgeladene Objekte. Es sind fast ausschließlich Frauenfiguren mit vor dem Magen gelegten Armen und einem oft gebogenen, abgeflachten Kopf-Oval samt dominanter Nase. In der Schau wird die künstlerische Entwicklung von den molligen Idolen und den starken Abstraktionen der späten Steinzeit zu den klassischen Kykladen-Idolen (um 2700 v. Chr.) in drei Extra-Vitrinen verdeutlicht. Ein Raum weiter wird ausführlich erklärt, welche Forschungsergebnisse es zur Bemalung der Statuetten gibt. Sie bezieht sich wahrscheinlich auf Haare, Augen, Schmuck und Tätowierungen der Menschen, aber genauso auf rituelle Handlungen. Das belegen Funde auf Keros, wo ausgediente Idole gewissermaßen beerdigt wurden; selbst Bruchstücke von ihnen wurden nicht einfach weggeschmissen.

Was uns heute neben der Lebenstüchtigkeit dieser Menschen vor 5000 Jahren so fasziniert, ist deren stupende künstlerische Kraft und handwerkliche Fähigkeit. Mit ihr übertrumpfen sie uns. Wie fein die Gefäße gearbeitet sind, die wohlgemerkt aus Stein, nicht aus Ton gefertigt wurden, ist schier unglaublich. Und die Genialität ihrer Skulpturen begeisterten „junge“ Kollegen wie Pablo Picasso oder Henri Moore.

Simone Dattenberger

Bis 7. Juli,

Di.–So. 9.30–17 Uhr (Faschingsdienstag geschlossen); Lerchenfeldstraße 2; Begleitheft: 7 Euro; Telefon: 089/ 21 12 402.

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