Wird man so wieder in die Gesellschaft integriert? Szene aus „Picco“, der Film läuft am Donnerstag an. foto: verleih

Picco: „Keiner von ihnen gehört ins Gefängnis“

München - Kochs Film "Picco" ist drastisch, spart aber vieles aus. Würde er zeigen, was sich damals in der Zelle abgespielt hat, wäre das unerträglich. Zum Filmstart von „Picco“: sprachen wir mit Soziologin Maja Lenhardt über verfehlten Strafvollzug bei Jugendlichen.

Auf den ersten Blick sieht das aus wie völlig überzogenes Genrekino: In Philip Kochs Spielfilmdebüt „Picco“, das an diesem Donnerstag anläuft, fallen jugendliche Straftäter in einer Zelle übereinander her und tun sich unvorstellbare Sachen an. Koch kann allerdings auf einen wahren Vorfall aus dem Jahre 2006 verweisen, bei dem drei Jugendliche in Siegburg einen Mitinsassen stundenlang folterten und in den Tod trieben.

Kochs Film ist drastisch, spart aber vieles aus. Würde er zeigen, was sich damals in der Zelle abgespielt hat, wäre das unerträglich. Aber auch so sorgt das Drama für Gesprächsstoff, geht es doch laut Regisseur nicht nur um diesen besonderen Fall, sondern generell um das System des Jugendstrafvollzugs. Es gibt nur wenige andere Themen, mit denen Politiker so zuverlässig Zustimmung erheischen können wie mit dem Ruf nach härterer Bestrafung. Was heißt: schneller und länger ins Gefängnis - in dem archaischen Glauben, ein bisschen Zucht und Ordnung würde aus den jungen Tätern automatisch bessere Menschen machen.

Ob die Jugendlichen so zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft werden, das bezweifeln jene, die in der Praxis mit gerade diesen Jugendlichen zu tun haben. Die Soziologin Maja Lenhardt zum Beispiel, die sieben Jahre lang in der Jugendstrafanstalt Berlin unterrichtet hat und nun spezielle Projekte mit jungen Gefangenen betreut. „Im Grunde gehört keiner von den Jungs ins Gefängnis“, sagt sie und lacht, weil sie weiß, wie merkwürdig sich das für viele anhört. Dabei sei es doch eine simple Angelegenheit, findet sie: Wenn junge Menschen mit Therapien und Ausbildungsprogrammen ins geordnete Leben zurückgeführt werden, ist das gut für alle - „weil die uns dann nicht mehr bestehlen oder schlagen“, wie Lenhardt es plastisch formuliert. Im Gefängnis hingegen absolvieren nicht wenige der jungen Männer eine regelrechte Lehre zum Gangster. Wissenschaftlich ist das hinreichend erforscht, und es entspricht Lenhardts Erfahrung. Manche müssten erst grundlegende Regeln des zivilisierten Umgangs lernen und nicht zuletzt Vertrauen zu sich selbst fassen, meint sie. „Viele haben ein sehr schlechtes Bild von sich selber.“

Mit „Picco“ ist sie nicht völlig zufrieden, auch wenn sie den Filmemacher für seine guten Absichten lobt: „Die Jugendlichen werden letztlich doch wieder auf gewalttätige Monster reduziert.“ Anschauen würde sie den Streifen aber mit den jungen Gefangenen, denn er rege eine Diskussion an. „Jede Form des Gesprächs ist für diese Jungs wichtig.“

Dass die 4000 Täter, die bundesweit in Jugendgefängnissen einsitzen, alles andere als Engel sind, weiß Maja Lenhardt natürlich. „Wenn die mit 15 oder 16 im Gefängnis landen, ist vorher schon viel verkehrt gelaufen.“ Dennoch ist sie Optimistin. „Manche entpuppen sich als sehr klug und unglaublich höflich. Einfach, weil man ihnen Aufmerksamkeit widmet und zuhört.“ Lenhardt ist klar, dass dies naiv klingen mag. Aber in den insgesamt acht Jahren hat sie immer demonstrativ ihre Tasche offen herumliegen lassen, als Vertrauensbeweis. „Es wurde nie etwas gestohlen. Im Gegenteil: Manchmal finde ich Süßigkeiten als kleine Geschenke.“ Und gefragt, wie man das Problem der Jugendkriminalität am besten angehen könnte, kommt die Antwort prompt: „Eine gerechtere Gesellschaft mit einem besseren Ausbildungssystem.“

Zoran Gojic

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