Mit Piepsstimme Mädchen beleidigt

Jonathan Franzens "Die Unruhezone": - Die Mittelschicht im Mittelwesten der USA bleibt Jonathan Franzens Thema. Schon im Welterfolg "Die Korrekturen" hatte er 2001 eine Durchschnittsfamilie mit all ihren kleinen Abartigkeiten so unangenehm vertraut geschildert, dass man glauben konnte, es sei seine eigene. Dass sie es nicht ist, aber trotzdem viel mit seinem wirklichen Elternhaus gemeinsam hat, kann man nun in seinem Roman "Die Unruhezone. Eine Geschichte von mir" lesen.

Allem Anschein nach beschreibt der Ich-Erzähler die Geschichte des authentischen kleinen Jonathan Franzen, der 1959 in der Nähe von Chicago geboren wird, in einem Vorort von St. Louis aufwächst und als Erwachsener nach New York geflohen ist. So selbstkritisch, beschämt, aufrichtig und versöhnlich klingen seine Geständnisse über die Eltern, die zwei großen Brüder, die unerreichbaren Frauen und die eigenen Unzulänglichkeiten, dass sie schon die therapeutischen Züge eines Bewältigungsbuchs annehmen.

Die entspannte erzählerische Distanz der "Korrekturen", die zugleich Lächerlichkeit, Grausamkeit und einen liebevollen Blick zuließ, geht hier verloren. Aber es handelte sich nicht um einen echten Franzen, wäre er nicht wieder ungemein komisch, sarkastisch und treffsicher. Man muss sich den kleinen Jonathan offenbar als eher unangenehmen, anstrengenden Buben vorstellen: "Ich hatte einen großen Wortschatz, eine flattrige Piepsstimme, eine Hornbrille, kaum Kraft in den Armen, die allzu offensichtliche Wertschätzung meiner Lehrer, den unwiderstehlichen Drang, lautstark dröge Wortspiele zu machen, eine nahezu eidetische Vertrautheit mit J.R.R. Tolkien, ein riesiges Chemielabor im Keller, die Neigung, jedes unbekannte Mädchen, das so unklug war, mich anzusprechen, plump-vertraulich zu beleidigen, und so weiter."

Als Kleinster in der Familie hatte Franzen selbst hier einen schlechten Stand, den er mit dem Anti-Helden Snoopy zu teilen glaubte. Nach amüsanten Deutungen von "Peanuts" und ihrem Schöpfer Charles M. Schulz widmet sich Franzen seiner Zeit in christlichen Gruppen und Zeltlagern, seinem Wandel vom "sozialen Tod" zum immerhin respektablen Kumpel. Es folgt die Entwicklung vom eifrigen Studenten deutscher Literatur, der kurze Zeit in München verbrachte, zum nach vielen Pannen endlich entjungferten Mann.

Ob man seinen Weg ausschließlich als Verbesserung seiner Lage begreifen kann, fragt man sich spätestens, als er beginnt, die Trennung von der Ehefrau und den Tod der zwiespältig geliebten Mutter mit dem besessenen Beobachten von Vögeln zu verarbeiten. Das ornithologische Ende ist leider auch der schwächste Teil dieses mit politischen Seitenhieben gespickten Bildungsromans.

Was man Franzen nicht anlasten kann, ist der deutsche Titel "Unruhezone", der genauso wenig eine konkrete Vorstellung vermittelt wie die merkwürdigen Übersetzungen "Kamingerät" oder "Körbe werfen". Im Original heißt der Roman "The Discomfort Zone", was sich auf einen ständigen Konflikt zwischen Franzens Vater und Mutter bezieht: Während sie, vom Herd kommend, die Heizung immer herunterdreht, beklagt sich der Vater, den Regler nicht einmal bis zur unteren Grenze der "Komfortzone" stellen zu dürfen. Derart war die Temperatur in Franzens Elternhaus. Und allein um solcher Schilderungen und Metaphern willen muss man diesen Roman lesen, der auch ein Stück Aufklärung über Amerika ist.

Jonathan Franzen: "Die Unruhezone". Aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 254 Seiten; 19,90 Euro.Der Autor liest morgen, 20 Uhr, im Münchner Literaturhaus (Tel. 089/ 29 19 34 27).

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