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So werden sie immer in Erinnerung bleiben: Pierre Brice und Lex Barker als Winnetou und sein Blutsbruder Old Shatterhand.

Nachruf auf den französischen Schauspieler

Unser aller Bruder: Pierre Brice, das Idol einer Generation

München - Unser aller Bruder: Trauer um den französischen Schauspieler Pierre Brice, der im Alter von 86 Jahren gestorben ist – doch als Winnetou unsterblich bleibt.

Heute kann man sich das kaum vorstellen, aber damals, als Pierre Brice 1965 in „Winnetou III“ das erste Mal gestorben ist, trug ein ganzes Land Trauer. So tief ging der Schmerz und das Gefühl des Verlusts, dass dem Produzenten Horst Wendlandt keine andere Wahl blieb, als Winnetou auferstehen zu lassen. Wendlandt musste schlichtweg um sein eigenes Leben fürchten, soviel Hass und Wut schlug ihm entgegen. Ein gutes Geschäft war es natürlich auch: Brice durfte weiterreiten und wurde endgültig unser aller roter Bruder.

Nun ist der Schauspieler zurückgekehrt in die ewigen Jagdgründe – für immer. Der Deutschen liebster Migrant ist am Wochenende im Alter von 86 Jahren bei Paris den Folgen einer Lungenentzündung erlegen. Und man übertreibt nicht, wenn man seinen Tod als Ende eines Kapitels bundesrepublikanischer Kulturgeschichte beschreibt.

Dass Pierre Louis Baron de Bris, 1929 im französischen Brest geboren, ausgerechnet in Deutschland ein Superstar werden würde, ist eine ironische Volte des Schicksals – und illustriert perfekt die jüngere Zeitgeschichte. Brice war die gelebte Versöhnung zweier Nationen. Als Jugendlicher war der Offizierssohn Bote in der Résistance und verlor Angehörige in deutschen Konzentrationslagern. Nach Kriegsende meldete er sich freiwillig zum Einsatz nach Indochina, dem heutigen Vietnam, und später nach Algerien. Der stramm konservative Adelsspross empfand es als patriotische Pflicht, den „Kommunismus“ zu bekämpfen, und ging – Privileg der Jugend – mit Begeisterung dorthin, wo es wehtat. Als Fallschirmjäger und Kampftaucher wurde er für seine Tapferkeit ausgezeichnet.

Winnetou ist tot: Pierre Brice tauchte 1954 erstmals auf der Leinwand auf

Zurück in Frankreich spielte er mit dem Gedanken, eine Militärlaufbahn einzuschlagen. Aber irgendetwas in ihm hatte offenbar keine Lust auf ein vorhersehbares Leben: Brice zog nach Paris und fiel auf. Er sah gut aus, war athletisch, hatte Ausstrahlung. Und er gefiel den Frauen. Bald verdiente er sein Geld als Model und bekam so einen Fuß ins Filmgeschäft. 1954 tauchte er erstmals auf der Leinwand auf und schlug sich in der Folge mit billigen Genre-Produktionen durch: „Aufstand der Tscherkessen“, „Zorro“, solche Sachen. Brice drehte viel in Italien und Spanien und wurde oft als eine Art Ersatz-Delon besetzt – unter anderem 1962 in einem düsteren spanischen Thriller, der bei der Berlinale lief. Horst Wendlandt sah den Film und wusste sofort (jedenfalls behauptete er das später), dass er seinen Winnetou gefunden hatte.

Der Produzent wollte Karl May verfilmen und hatte alles zusammen, außer eben seinen Winnetou. Brice mit seinem leicht exotischen, guten Aussehen und den edlen Gesichtszügen erschien Wendlandt als Geschenk des Himmels. Das Problem war nur: Brice hatte wie alle Franzosen noch nie von Karl May gehört und wusste nicht so recht, was er von einem deutschen Western halten sollte. Aber er sagte zu – und nicht einmal zwei Wochen später stand er im dalmatinischen Hinterland und wurde Winnetou. Brice haderte damit, sehr wenig Text zu haben. Aber vermutlich war das eines der Erfolgsgeheimnisse: Mit großen Gesten und gekonnten Posen machte er mehr Eindruck als mit den eher platten Dialogzeilen. Die Produktion lief nicht immer leicht, aber fernab komfortabler Studiobedingungen stellte sich eine Art Zeltlager-Atmosphäre ein. Das Team wuchs zusammen und insbesondere mit Old-Shatterhand-Darsteller Lex Barker entstand eine echte Männerfreundschaft.

Von Barker lernte Brice das Reiten, Brice seinerseits bekochte die Crew und begeisterte alle mit vorbildlicher Disziplin. „Der Schatz im Silbersee“ wurde ein Sensationserfolg – in Deutschland. Aber hier in einem bis dahin ungekannten Ausmaß. Mehr als zehn Millionen Kinokarten wurden verkauft. Wendlandt schaltete sofort: In der Folge kam alle paar Monate ein neuer „Winnetou“ in die Lichtspielhäuser und löste eine regelrechte Hysterie aus.

Edler Wilder: Pierre Brice war das Idol einer ganzen Generation

Brice wurde das Idol einer ganzen Generation: Als edler Wilder, der es stets gut meinte und dabei so wunderbar bedeutungsschwanger in die Ferne blicken konnte. Die Deutschen waren dem Bretonen verfallen und liebten die Leinwandabenteuer, die ein völlig anderes Bild vom Wilden Westen vermittelten als die US-Western. Die Botschaft von „Winnetou“ war einfach: Alle Menschen sind Brüder – und wenn es Schwierigkeiten gibt, dann nur, weil es gewissenlose Geschäftemacher gibt, die zum eigenen Vorteil die Menschen gegeneinander ausspielen. Das entsprach dem Zeitgeist der Sechzigerjahre.

Außerdem gab es den spezifisch deutschen Wunsch, mit sich ins Reine zu kommen. Mit dem Gerichtsverfahren gegen Adolf Eichmann und den Auschwitz-Prozessen war das Land gerade wieder an seine hässliche Vergangenheit erinnert worden. Nach dem Krieg hatte man sich in den Wiederaufbau geworfen und zum Wirtschaftswunder beigetragen, erst jetzt begann so etwas wie eine Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. „Winnetou“ war hierbei eine ideale Vorlage: Völkerverständigung statt Rassenhass, friedliches Zusammenleben statt Vernichtungskrieg. Eine Art Katalysator für die Seele und Anleitung zum Gutsein.

Brice hingegen wurde klar, dass die Filme im Grunde seine Schauspielkarriere beendet hatten. Nach der vorläufig letzten Produktion „Winnetou und Shatterhand im Tal der Toten“ 1968 spielte Brice ernsthaft mit dem Gedanken, sich als nicht einmal 40-Jähriger zur Ruhe zu setzen. Er arbeitete weiter, doch Winnetou wurde er nicht los. Bei Festspielen trat er als Häuptling der Apachen auf, mit eigenen Ideen und passablem Deutsch. Deutschland wurde seine Heimat – spätestens als er eine Oberpfälzerin heiratete, der zuliebe er Jahre später in Garmisch-Partenkirchen ein Haus baute.

In den letzten Jahren verwaltete er würdevoll sein Erbe, engagierte sich für humanitäre Projekte und leitete 1995 höchstselbst einen Hilfskonvoi nach Bosnien, damals Kriegsgebiet. Als Schauspieler wurde er kaum gefordert. Er verdiente sein Geld mit Fernsehen und machte sich keine Illusionen, weshalb er engagiert wurde. Egal, was er spielte, letztlich war er Winnetou. Aber er löste mit Anstand seine Aufgabe in der „Klinik unter Palmen“ und was es ansonsten noch an Berieselungs-TV gibt.

Winnetou und Rainbow Man - Pierre Brice wurde mit Preisen überhäuft

Im Laufe seines Lebens wurde Pierre Brice mit Preisen überhäuft. Er erhielt das Bundesverdienstkreuz erster Klasse und wurde Ritter der Ehrenlegion. Aber die Auszeichnung, die Brice am meisten freute, war der Titel „Rainbow Man“, Regenbogenmann. Mit diesem Ehrennamen bedachten ihn Winnebago-Indianer aus Nebraska, als sie erfuhren, dass der Schauspieler mit Festivalauftritten und Dokumentationen sehr ernsthaft versuchte, ein realistisches Bild der amerikanischen Ureinwohner zu zeigen. Und vielleicht ist das tatsächlich sein Vermächtnis: Dass in Deutschland beim Stichwort „Indianer“ niemand an blutrünstige Barbaren denkt, die heimtückisch brave Siedler überfallen. Sondern an einen integren Mann, der uns seine Freundschaft angeboten hat.

Zoran Gojic

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