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„Lebensträume“ heißt dieser Stuhl, der in der Förderstätte des Blindeninstituts Würzburg entworfen wurde.

Wenn aus schlichten Stühlen Kunstwerke werden

München - Im Rahmenprogramm der Special Olympics zeigt die Pinakothek der Moderne die Ausstellung „Nimm Platz – für eine inklusive Gesellschaft“.

Allein ihr Design zählt. Die einzelnen Geschichten hinter den insgesamt 30 Stühlen, die in der neuen Sammlung in der Pinakothek der Moderne unter dem Motto „Nimm Platz – für eine inklusive Gesellschaft“ und im Rahmen der Special Olympics (siehe Bericht oben) präsentiert werden, sind interessant, spannend und sogar teils sehr traurig. Doch die Ausstellung konzentriert sich wegen des musealen Orts, an dem sie gezeigt wird, explizit auf ihr Aussehen. Das ist schade, aber mit ein wenig Geduld lassen sich die neuen, überraschenden Ansätze der Gestaltung dahinter zumindest erahnen.

Der Ausgangspunkt ist immer derselbe: ein Billig-Serien-Holzstuhl samt Lehne aus dem schwedischen Möbelhaus mit den vier großen Buchstaben. Daraus entwickelten Menschen mit Handicap – meist in Gruppen im Rahmen der Aktion der Diözese Würzburg für eine inklusive Kirche und Gesellschaft – ihre ganz persönlichen, größtenteils farben- und damit lebensfrohen Kunstwerke. Ihre Funktion haben zwar die meisten Stühle behalten, manche aber haben statt Beinen zwei Rollstuhlräder bekommen. Andere haben nun als Lehnen Sonnen, Augen, Engelsflügel oder gar mannshohe Pappmaschee-Figuren. Wieder andere stehen auf Weltkugeln.

Die einst profanen Stühle spiegeln nun Leben, gesellschaftliche Stellung und vor allem – und das ist besonders schön – die lebensbejahenden Hoffnungen und Träume von Menschen mit geistiger, Seh- oder Hör-Behinderung wider. Doch nimmt man sich die Zeit und verharrt vor diesen Arbeiten, erkennt man, dass sie auch von Ängsten erzählen. Ein Stuhl etwa heißt nun „Ungeschminkt“, ist schwarz angemalt und damit eigentlich völlig unscheinbar. Doch in seiner Sitzfläche verbergen sich vier Räume. Sie sollen die Rückzugsmöglichkeiten der beteiligten psychisch kranken Künstler darstellen. Ein anderer ist wie er aus dem Möbelhaus kam. Nur eine Trauerschärpe ziert seine Lehne. Auf ihr steht: „Ich habe es nicht geschafft – und damit muss ich weiterleben.“

Angelika Mayr

Bis 3. Juni, dienstags bis sonntags 10-18 Uhr, donnerstags 10-20 Uhr; Barer Straße 40.

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