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Was aussieht wie Teile eines Gartenzauns sind Hortensien, die Karl Blossfeldt für diese Aufnahme zwölffach vergrößert hat.

Die Pflanze als Model

München - Die Pinakothek der Moderne erweitert ihre Sammlung um Bilder des Fotografen Karl Blossfeldt. Der zeigt Pflanzen von einer ganz anderen Seite.

Drei Speere, eingekerbt, die Spitzen ineinander verzwirbelt. Oder vielleicht doch das Teilstück eines Gartenzauns aus Metall? Beides falsch. Was auf den ersten Blick aussieht wie von Menschenhand gemacht, hat niemand anderes als Baumeisterin Natur erschaffen: Drei Hortensienknospen in zwölffacher Vergrößerung – nicht mehr und nicht weniger zeigt dieses Foto. Inszeniert hat sie Karl Blossfeldt, dessen Pflanzenaufnahmen heute zu den Ikonen der Fotografie gehören. Blossfeldt inspirierte die Künstler der Neuen Sachlichkeit ebenso wie die des Surrealismus. Auch Bernd und Hilla Becher, Begründer der berühmten Düsseldorfer Fotoschule, beriefen sich auf sein Werk. Dabei war Blossfeldt nicht einmal ausgebildeter Fotograf.

Worin das Geheimnis seiner Aufnahmen liegt, kann man derzeit in der Pinakothek der Moderne in München ergründen. Das Museum hat kürzlich ein Konvolut von 75 Originalfotografien Blossfeldts für seine Sammlung erworben und präsentiert die Arbeiten in der Schau „Karl Blossfeldt und die Sprache der Pflanzen“. Oft sind es Gewächse am Wegesrand – Disteln, Gräser, Blätter –, deren Details Blossfeldt so prominent in Szene setzt, dass man eigentlich von Pflanzenporträts sprechen müsste. Der Stil seiner Aufnahmen ist immer puristisch, der Effekt jedoch grandios. Die zentral platzierten Motive vor hellem Hintergrund sind so stark vergrößert, dass Alltägliches plötzlich fremd scheint: Ein schnöder Halm erinnert an einen Wolkenkratzer, ein Stechapfel an eine extravagante Hutkreation. Überall lassen sich Rillen, Adern, Spiralen entdecken. Blossfeldt illustriert so nicht nur die Kunstfertigkeit der Natur, sondern macht auch unwillkürlich Lust, die Bilder zu berühren und den Formen nachzuspüren. So schlicht und gleichzeitig perfekt wirken die matten Schwarz-Weiß-Abzüge, dass man stellenweise kaum glauben mag, dass es sich um Fotografien und nicht um Grafiken handelt.

Ursprünglich dienten die Naturstudien, die Blossfeldt zwischen 1890 und 1932 aufnahm, als Anschauungsobjekte für seinen Unterricht an der Kunstgewerbeschule Berlin. Die Formenvielfalt der Natur zu verstehen und für die künstlerische Arbeit fruchtbar zu machen – das war es, was Blossfeldt seinen Schülern vermitteln wollte. Im Laufe der Jahre nahm er so mehr als tausend Pflanzenbilder auf. Dass er es mit seinen Aufnahmen zu Ruhm brachte, verdankte Blossfeldt einem Zufall: 1926 entdeckte der renommierte Galerist Karl Nierendorf, vermutlich während einer Ausstellung in der Kunstgewerbeschule, Blossfeldts Arbeiten und präsentierte sie in Berlin. Der eigentliche Durchbruch gelang jedoch erst zwei Jahre später, als Blossfeldt seinen ersten Bildband „Urformen der Kunst“ veröffentlichte, der in mehreren Sprachen und Auflagen erschien.

Ob Blossfeldt selbst seine Aufnahmen als Kunst empfand, ist nicht überliefert. Inka Graeve Ingelmann, Kuratorin der aktuellen Ausstellung, vermutet, dass die Aufnahmen für Blossfeldt mehr waren als nur Unterrichtsmaterialien. Schließlich habe er die Wirkung seiner Bilder genau kalkuliert und Kleinigkeiten wie störende Äste wegretuschiert. Dass er nur die „unverfälschte Natur“ wiedergegeben hat, wie Blossfeldt gerne behauptete, stimmt also nicht ganz.

Für die Pinakothek der Moderne ist der Ankauf der Fotografien aus der Sammlung Ann und Jürgen Wilde ein erster, wichtiger Schritt zur Erweiterung des eigenen Bestands: Bislang befinden sich vor allem Fotografien zeitgenössischer Künstler im Besitz des Museums. Die Arbeiten von Karl Blossfeldt ergänzen die Sammlung nun um Arbeiten aus dem frühen 20. Jahrhundert.

von Katharina Mutz

Bis 21. Oktober,

Barer Straße 40,

Telefon: 089/ 23 80 53 60. Katalog „Karl Blossfeldt. Fotografien“, herausgegeben von der Kulturstiftung der Länder und den  Bayerischen Staatsgemäldesammmlungen, 19 Euro. Außerdem ist erschienen: Ann und Jürgen Wilde (Hrsg.): „Karl Blossfeldt. Die Arbeitscollagen.“ Schirmer/Mosel Verlag, München, 156 Seiten; 29,80 Euro.

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