Pinakothek der Moderne: Schrott vom Feinsten

München - Die Pinakothek der Moderne zeigt Schrott - allerdings nicht irgendwelchen: John Chamberlains Skulpturen sind edelste Abfall-Ästhetik.

Damals, vor 60 Jahren, fuhr John Chamberlain mit dem LKW über alte Autos und schuf so seine Skulpturen. Heute muss der Amerikaner die chromblitzenden Oldtimer mühsam suchen und auf Auktionen kaufen, um sie in speziellen Pressen zu verarbeiten. Schrott vom Feinsten sozusagen ist das, was er jetzt in der Münchner Pinakothek der Moderne ausstellt. Hier weht nun ebenso der Revoluzzergeist der 60er-Jahre durchs Haus, wie das elegante Chrom den puren Luxus verkörpert. Mit 84 Jahren hat sich John Chamberlain somit nicht nur auf seine Wurzeln besonnen, sondern sie neu definiert: Zwölf Mal Abfallästhetik blitzt als Neuinterpretation der Geschichte und der Gesellschaft auf.

Den Schrottplatz bezeichnet Chamberlain als sein „Carrara“, die Metallfetzen als seinen „Marmor“. Es geht ihm dabei um ein Material, das seinen eigenen, widerspenstigen Willen hat. Um Rhythmus und Klang. Es geht ihm dabei ganz und gar nicht um endlose Interpretationen. „Wenn eine Sache intuitiv gemacht ist, warum soll man sie dann intellektuell anschauen?“, sagt er heute - und fragte er schon 1966. Damals wurden seine Skulpturen so lange als Autounfälle und „symbolischer Unfug“ gedeutet, bis er sich völlig davon abwandte und mit anderen Materialien und Techniken experimentierte. Vor vier Jahren war die Zeit wieder reif für neue Autowracks, die er akribisch zu Einzelstücken pressen lässt und sie, oft zu Jazzmusik, zusammenfügt. Es sind komponierte Assemblagen - ebenso wie die Titel. Chamberlain erschafft so etwas völlig Neues, unglaublich Lebendiges aus Altmetall.

Jetzt funkelt eine „Sterlingpromqueen“ (2008) hoch aufragend in steilem Silber durch die Pinakothek, kokett, vielfach gefältelt, gebogen, geknickt, unendlich das Licht brechend. „Entirelyfearless“ (2009), gänzlich furchtlos, schraubt sich eine Chrom-bekrönte Stele in den Saal, bei der man fast ein Gesicht in den Knicken zu erkennen glaubt. Ähnlich „Venerablefriendship“ (2008), die ehrwürdige Freundschaft, wo sich drei knittrig-blanke Säulen zu- und abwenden. Viele Spannungsbögen, Schwere und Leichtigkeit, viel Kommunikation und Emotion, ja sogar Beziehungsebenen könnte man da herauslesen. Corinna Thierhof von der Pinakothek sieht darin schließlich eine Weiterführung der traditionellen Figurenmodelle, sieht barocken Faltenwurf in den ebenso ausladenden wie dynamischen Megaprojekten.

Egal, was man in der Schau „Curvatureromance“ zu spüren und sehen vermeint: Vor allem begeistert die Veredlung des Materials zu mächtigen Spielbällen der Wahrnehmung. Ein fulminanter Auftakt zur Ausstellungsserie „American Summer“ in der Pinakothek: Die Gegenposition zum schwelgenden Chamberlain war seit seiner College-Zeit die Minimal Art, die ab nächster Woche ebenso verstärkt präsentiert wird.

Freia Oliv

Bis 23. Oktober,

Katalog: 19 Euro;

Telefon 089/ 23 80 53 60.

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