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Die Glyptot hek schließt am 22. Oktober für Sanierungsarbeiten. Hier ein Teil der Giebel-Gruppen des Aphaia-Tempels mit Athene im Zentrum. 

Vernachlässigung

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Kulturstaat Bayern? Keine Partei hat ein innovatives und nachhaltiges Museums-Konzept und schadet damit der bayerischen  Identität und Tradition

Es ist Wahlkampf – und keiner spricht von Kunst und Kultur. Auch in Bayern ist es so, obwohl man sich hier gern als Kulturstaat aufbläht. Diese Protz-Blase platzt schnell, wenn man sie genauer erforscht. Deswegen bekommen neue Museumschefs, die aus anderen Bundesländern oder anders ausgestatteten Institutionen zu uns ziehen, regelmäßig einen Schock. Die finanzielle Ausstattung renommierter Häuser ist nämlich erschütternd mickrig. Jüngst mussten das Uta Werlich erfahren, die Stuttgart für das staatliche Museum Fünf Kontinente/ Völkerkundemuseum in München verließ, und Frank Matthias Kammel, der vom Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg – es ist nicht vom Freistaat abhängig – zum hiesige Bayerischen Nationalmuseum wechselte.

Die finanzielle Ausstattung ist mickrig

„Nationalmuseum“ – da werden momentan viele stutzen. In Brasilien weinen, toben und demonstrieren Menschen wegen ihres niedergebrannten Nationalmuseums. Angesichts der Ruinen ist ihnen schlagartig klar geworden, dass sie ihr nationales kulturelles Gedächtnis verloren haben – und dass der Staat versagt hat. Das Bayerische Nationalmuseum brennt hoffentlich nicht ab, ist indes immer noch zu zwei Dritteln (!) in räudigem Zustand. Niemand, der heute lebt, und sei er noch so alt, hat es jemals in einem angemessenen musealen Zustand gesehen. Ist das zu glauben? Hier, in Bayern? In einem Freistaat, der dauernd und öfters penetrant seine Tradition feiert? Dieser Staat, und damit sind seine Politiker und die Kulturverwaltung gemeint, belässt obendrein materiell sehr wertvolle Zeugnisse seiner kulturellen bayerischen Identität in einem vor sich hin gammelnden Gebäude. Und zynisch wird seit Jahrzehnten (!) kleckerlweise saniert, ohne dass ein Ende abzusehen wäre. Auch das Kunst-Ministerium kann auf Anfrage nichts zum Zeitplan mitteilen. Und: „Über die künftige finanzielle Ausstattung aller staatlichen Museen und Sammlungen wird im Rahmen des nächsten Doppelhaushaltes (2019/2020) entschieden.“ Da ist die Landtagswahl vorbei – kein gutes Omen für die Schatz-Häuser.

Das Kunst-Ministerium gibt keine klaren Zusagen

Dass alle Museen, selbst der große Verbund Staatsgemäldesammlungen, sowohl in personeller Hinsicht als auch in den Bereichen Ankauf, Ausstellungen, Kunstvermittlung, Marketing, Forschung monetär unterversorgt sind, ist an dieser Stelle schon viel zu oft geschrieben worden. In den Kunst- und Kulturinstituten sind Milliardenwerte untergebracht, die gemehrt und geschützt werden müssen. Sie sind Zeitspeicher, die den Menschen gerade in deren Gefühl der Verunsicherung Halt geben – weil sie Freiheit und Großzügigkeit vermitteln. Deswegen sind Museen, wenn man so will, ganz besondere Freizeitparks. Die muss man kontinuierlich pflegen.

Es ist schön, wenn Politiker neue Museen bauen, auch wenn sie sich damit meist nur selbst ein Denkmal setzen möchten. Das Haus der bayerischen Geschichte in Regensburg ist freilich sinnlos, wenn es sich nicht auf das Bayerische Nationalmuseum, das ja ein einmaliges Haus der bayerischen Geschichte ist, beziehen und stützen kann. Die alten Museen haben eine Potenz, die neue möglicherweise nie erreichen werden. Logischerweise müssten die renommierten Häuser bestens ausgestattet sein.

Museen schließen, Baustellen häufen sich

Der Staat hat in den vergangenen Jahrzehnten zu vieles verschoben, was für seine Museen dringend notwendig gewesen wäre. Jetzt häufen sich die Baustellen. Bei der Archäologischen Staatssammlung geht es endlich baulich voran; Wiedereröffnung ist, wenn alles klappt, 2022. Die Glyptothek schließt wegen der Sanierung Ende Oktober, die Neue Pinakothek Ende des Jahres; einige Werke werden ab Sommer 2019 in der Alten Pinakothek präsentiert. Die Sanierung kann erst beginnen, nachdem laut Kunst-Ministerium der Landtag die „Haushaltsunterlage Bau“ bewilligt hat. Die Ausdünnung unseres Kunstangebots ist eine Folge all der Versäumnisse.

Besonders trübe erscheint die Situation beim Haus der Kunst (HDK). Bayern könnte eine mit Berlin (Gropius-Bau) oder Frankfurt (Schirn) konkurrenzfähige Ausstellungshalle haben, hat aber bloß ein Fiasko. Bei der Sanierung des verfallenden Baus bewegt sich – nichts. Wegen der Landtagswahl? Wegen anderer Baumaßnahmen wie dem Konzerthaus? Das Ministerium gibt folgendes Statement ab: „Der Ministerrat hat sich im vergangenen November mit dem Bauantrag des Hauses der Kunst befasst. Die Planungen werden nun entsprechend dem dortigen Auftrag konkretisiert und anschließend mit den zuständigen Ausschüssen des Landtages abgestimmt werden. Dies benötigt bei dieser großen und komplexen Baumaßnahme noch etwas Zeit.“ Die Fehlplanungen im HDK werden als „finanzielle Risiken“ beschönigt, und man habe im Nachtragshaushalt 2018 die Unterstützung „um 1,2 Millionen Euro auf 4,37 Millionen Euro angehoben“. Bedrückend: Es gibt, obwohl wir explizit danach fragten, keine Antwort des Ministeriums zur Zukunft der Halle.

Die Parteien sind fantasielos

Alle politischen Parteien wirken genauso fantasie- und konzeptlos  wie Institutionen à la Akademie der Schönen Künste,  die kulturelle Leuchttürme  für die Gesellschaft sein sollten. Es werden nicht einmal Diskussionsrunden angestoßen, wie die zukünftige Nutzung des Hauses der Kunst aussehen könnte. Ideen, Visionen, Möglichkeiten werden gar nicht erst durchgespielt.

Was soll man davon halten, wenn Ministerpräsident Markus Söder (CSU) so nebenbei erwähnt, dass er das Kunstareal um die Pinakotheken stärken möchte? Weder kommt etwas Innovatives noch etwas Nachhaltiges von parteiübergreifend politischer Seite:  Unsere Museen brennen nicht nieder, man hungert sie aus.

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