Pingpong der Liebe und Lüge

- "Der Tag der Gnade" - für die Theater auch ein Tag der Wahrheit. Denn dieses Stück des Amerikaners Neil LaBute, das er selbst lediglich als ein "Well made"-Beziehungsstück bezeichnet, ist derzeit angesagt auf deutschen Bühnen. Es ist nämlich so praktisch. Als Zwei-Personen-Liebes-Clinch schont es den Etat, ist vielfach einsetzbar und bedient mit zwei guten Rollen - der Erfolgsfrau in den sozusagen besten Jahren und dem viel jüngeren Liebhaber - auch noch besetzungstechnisch manchen Schauspieleranspruch. Was aus Theatersicht außerdem für diesen LaBute spricht: der Griff in die zeitgenössische Dramatik.

<P>Dabei ist dieses Stück in Wahrheit doch ein alter Hut. Nur die Abwandlung eines ewigen Boulevardthemas: Pingpong-Konversation um Liebe, Sex und Lüge. Dass diese "Liebst du mich"-Spielerei vor der Folie des Terroranschlags, in den frühen Nachtstunden nach dem 11. September, abläuft, liefert das Alibi dafür, dass das Stück staats- und stadttheatertauglich ist. Nun ist es also im Münchner Theater im Haus der Kunst gelandet, wo es als erste Premiere der neuen Saison des Bayerischen Staatsschauspiels herauskam. </P><P>Ein Text - zumindest dieser Kategorie - ist immer nur so gut wie seine Aufführung. Und im konkreten Fall sieht auf den ersten Blick alles sehr viel versprechend aus. Eine von Sascha Groß ausgezeichnet erdachte Bühne, die den konkreten Hintergrund des Attentats diskret aufnimmt. Die Spielfläche - eine große, schräg angelegte, weiße Satellitenschüssel, bestückt nur mit einer weißen Polsterbank, einem Kühlschrank, einem flach auf dem Boden liegenden TV-Bildschirm. Dazu ein Telefon und ein Handy, dessen ständiges Klingeln Ben, der anfangs allein auf der Bühne ist, ignoriert, weil er als tot gelten will, um sich auf diese Weise bequem aus der Verantwortung zu stehlen.</P><P>Marc Oliver Schulze spielt diesen Feigling, nicht unsympathisch, als einen sich seiner Männlichkeit bewussten Macho und gleichzeitig sentimentalen Softie, ausgestattet mit einigem Witz und gelegentlich schöner Selbstironie. Dann erklettert Sibylle Canonica als Abby die Bühnenschüssel, als sei dies eine Manege, in der sie in den folgenden 90 Minuten mal als Clown, mal als Dompteur den dressierten Mann im Hauptfach Liebe examiniert. Nun wird der ganze Beziehungskäse der vergangenen drei Jahre noch einmal aufgewärmt; wer es wann wie und wo am liebsten trieb. Und es fallen so bescheuerte Äußerungen wie: ". . . die scheußlichen Generationsunterschiede, die zwischen uns wüten."</P><P>Der Zuschauer weiß, es ist das Ende. Aber er sollte auch spüren: Diese beiden können nicht voneinander lassen. Und das ist das Problem dieses Theaterabends. Wenn, wie oben behauptet, ein Stück nur so gut ist wie seine Inszenierung, dann ist dies - trotz der Top-Protagonistin Canonica - doch nur eine eher harmlose Aufführung. Das Theater, das nicht allein der oberflächlichen Unterhaltung dienen will, erwirbt nur seine Berechtigung, wenn es auf der Bühne ums Existenzielle geht, um Leben oder Tod, um Sein oder Nichtsein. Egal, ob leicht oder schwer, Komödie oder Tragödie.</P><P>Als würde die kluge Sibylle Canonica ahnen, dass dies alles hier nicht eingelöst wird, spricht und spielt sie so schnell, als wolle sie das Ganze so rasch wie möglich hinter sich bringen. Denn Peter Wittenberg ist nicht der Regisseur, der den Reichtum - die Vielschichtigkeit seiner Schauspieler, das Geheimnis ihrer Ausstrahlung - inszenatorisch nutzen und zur Geltung bringen kann. </P><P>Oder der sie aufeinander hetzt mit Regie-Finessen, um ein Klima der emotionalen Aussichtslosigkeit, der Lebensbedrohung der Seele entstehen zu lassen. Es "knistert" nicht, es mangelt an Erotik, es fehlt an Endlichkeit. Es bleibt nur Boulevard: gute Unterhaltung, gute Schauspieler, das war's. <BR></P>

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