Pingpong als Ouvertüre

- Er ist der Mann für besondere Aufgaben. Regie führen? Peer Boysen gibt sich damit längst nicht mehr zufrieden. Mit Tenor Kobie van Rensburg bastelte er 2002 am Gärtnerplatz das barocke Stück "Ein Theater nach der Mode" zusammen, jetzt steht nichts weniger als eine Uraufführung bevor, für die er das Libretto schrieb und die Regie besorgte. Wieder in München, diesmal an der Schauburg, jenem Theater also, dem Boysen seit Jahren fest verbunden ist und das er durch seine Inszenierungen prägte. Premiere ist morgen, die Musik stammt vom jungen Komponisten Volker Nickel, Christoph Poppen dirigiert das Münchener Kammerorchester.

Mit seinem Thema greift das Gespann Boysen/ Nickel auf ein altes, klassisches Musiktheater-Sujet zurück. Schon Monteverdi widmete dem antiken Sänger, der seine getötete Eurydike aus der Unterwelt holen will, eine der ersten Opern überhaupt, und "Orfeus" ist auch der Titel des Schauburg-Projekts. "Jugend, Liebe, Musik, Liebeszerstörung, wieder geschenktes und nutzloses Leben, das sind doch wunderbare Themen für eine Oper, vor allem für Leute ab 14", begründet Boysen die Wahl. Wobei er betont, dass man keine "Jugend-Oper" beabsichtige. "Die Schauburg und das Kammerorchester wollten einfach ein Musiktheater-Projekt - Ende! Wir möchten nicht belehren, nicht irgendeine Position zu Jugendlichen einnehmen. Das wäre doch vermessen, schließlich sind die ganz normale Theatergänger wie andere auch."<BR><BR>Geschrieben ist der 90-minütige "Orfeus" für fünf Schauspieler, zwei Sänger, Streicher, Keyboard, Perkussion und Zuspielband. Das Werk startet mit einer Ouvertüre aus Pingpongbällen und Sonntagnachmittaggeräuschen. "Wie Dachschindeln, die sich überlagern", so Volker Nickel, sei das Opus gewachsen: erst die Idee, dann Textvorschläge, danach Musik, schließlich wieder Veränderungen . . . Seine Musik mag der gebürtige Augsburger, der bei Hans Jürgen von Bose studierte und als Kind, wie er amüsiert erzählt, schon eine "d-moll-Symphonie" schrieb, nicht charakterisieren. Nur so viel: "Ich hoffe, dass ein eigener Stil erkennbar wird. Bei den Komponisten meiner Generation hat eben die Vorliebe für eine gewisse Buntheit zugenommen."<BR><BR>Am Thema Orfeus reizt Nickel die "Reduktion auf innere Konflikte". Die Handlung mit dem Gang in die Unterwelt und dem anschließenden Weg nach oben sei "wie eine einzige Pendelbewegung": klar erzählt, schlicht und dabei ungeheuer wirkungsvoll.<BR><BR>Nickels Musik wird dabei auf eine besondere Weise ins Rampenlicht gerückt: Da es in der Schauburg keinen klassischen Orchestergraben gibt, wird sich das Publikum auf Tribünen gegenübersitzen, Spieler und Sänger agieren in der dadurch entstehenden Schlucht. "Das ist keine Not, sondern eine Tugend", sagt Nickel. "Wir wollten einfach weg vom Guckkasten, das macht das gesamte Erlebnis ohnehin homogener, direkter." Was Peer Boysen, der kürzlich schon in seiner Bremer "Turandot" das Orchester auf die Bühne brachte, nur unterstützt: "Ich habe früher, als ich mit meinen Eltern in die Hamburger Oper ging, immer lieber ins Orchester geguckt. Das hat mich einfach mehr interessiert."<BR><BR>Insgesamt 15 Aufführungen sind an der Schauburg angesetzt - für eine neue Oper ungewöhnlich viele. Doch gab es im Vorfeld bereits eine Informationsveranstaltung für Lehrer, die Kartennachfrage gerade bei den Vormittagsterminen beweist, dass dadurch große Neugier geweckt wurde. Und was sollen die Besucher zur Aufführung mitbringen? "Theater ist ja keine musikwissenschaftliche Veranstaltung", meint Volker Nickel. "Die Musik ist wie eine Welle, auf der alles szenisch reitet." Und Peer Boysen ergänzt: "Ich hoffe, dass man ohne Vorwissen die Geschichte versteht. Mein Vorsatz ist immer: In der Oper, und sei sie auf Italienisch oder Französisch, soll immer alles verständlich sein - auch ohne Übertitel."<BR><BR> 

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