Um der alten Zeiten willen

München - Pink Floyd haben mit „The Endless River“ ihr letztes Album vorgelegt – und dafür ihr Klangarchiv geplündert.

Es ist – und das ist keineswegs abwertend gemeint – die perfekte Musik für eine lange Autofahrt. Klangwolken schweben ätherisch über Soundcollagen, die gerade so gewagt sind, dass sie noch nicht irritieren, und die superbe Gitarre lässt Melodiebögen schwerelos ineinandergleiten. Selten war ein Albumtitel so treffend: „The Endless River“ beschreibt die Musik dieser mutmaßlich wirklich letzten Platte von Pink Floyd ziemlich präzise – und wenn man sein Abspielgerät entsprechend einstellt, können die 53 Minuten Musik ohne Probleme einen ganzen Tag in der Schleife laufen, ohne dass es stört. Ob das freilich das Ziel einer Band sein kann, die als eine der innovativsten und erfolgreichsten dieser Galaxis gilt, darf man bezweifeln.

Seit 47 Jahren veröffentlichen Pink Floyd Platten und seit 45 Jahren beklagen die Fans der ersten Stunde den kreativen Niedergang. Das hat Pink Floyd nicht gehindert, mit legendären Meilensteinen wie „Dark Side Of The Moon“ oder „Wish You Were Here“ Erfolge zu feiern und Verkaufsrekorde zu vermelden. Allerdings muss man auch als nachsichtiger Fan einräumen, dass jene Alben, die nach dem sensationellen Klassiker „The Wall“ (1979) erschienen, leider eher mittelgut ausgefallen sind. Millionenfach verkauft haben die sich dennoch, und auch „The Endless River“ wird weggehen wie warme Semmeln. Gitarrist David Gilmour, inoffizieller Nachlassverwalter der Band, hat das Album bewusst als nostalgischen Köder konzipiert. Mal mehr, mal weniger offensichtlich wird aus dem eigenen Gesamtwerk zitiert, wie ein letzter melancholischer Gruß aus einer untergegangenen Ära, als Musik noch nicht zu blechern tönenden mp3-Schnipseln verkommen ist.

Schon die Auflistung der Songtitel lässt einen kurz seufzen: Selbst auf der CD werden die Titel Plattenseiten zugeordnet und damit eine Dramaturgie angedeutet – die Stücke einer Seite sollen im Zusammenhang gehört werden. Eine hübsche Idee, die gekonnt darüber hinweg täuscht, dass es eben keine zwingende innere Struktur des Albums gibt.

Kann es auch gar nicht. Denn das Ausgangsmaterial waren nicht verwendete Bänder von den Aufnahmen zu „The Division Bell“ von 1994. Gilmour hat diese Schnipsel raffiniert zu einem smarten akustischen Kaleidoskop angeordnet, das dem Hörer wie beiläufig immer Neues anzubieten scheint, obwohl es doch in Wahrheit die immer gleichen Elemente sind, nur eben anders sortiert. Allerdings: Auch das muss man erst mal können.

Aus über 20 Stunden Material haben Gilmour und Schlagzeuger Nick Mason die passenden Stücke ausgesucht und teilweise mit neuen Aufnahmen ergänzt. Die berührendsten, schönsten Sequenzen, die so unverschämt gut an Pink Floyds Blütezeit in den Siebzigerjahren erinnern, sind in der Regel die alten Aufnahmen, an denen noch der 2008 verstorbene Keyboarder Rick Wright mitwirkte. Dieser zurückhaltende Mann wurde oft unterschätzt, auch von seinen Bandkollegen, wie Gilmour zerknirscht einräumte. Dabei waren es erst Wrights raumgreifende Synthesizer-Konstruktionen, die bei den besten Floyd-Platten aus den vielen virtuosen Beiträgen aller Beteiligten ein Ganzes machten. Daran knüpft „The Endless River“ bewusst an, wie eine späte Ehrung für den stillen Wright, der zeitweise sogar aus der Band gemobbt worden war. Auch das einzige gesungene Lied, „Louder Than Words“, ist erkennbar ihm gewidmet.

Am Ende bleibt man – wie so oft bei Pink Floyd – zwiegespalten zurück. Es gibt berauschende Stellen, etwa „It’s What We Do“ oder „Unsung“, und dann halbe Scheußlichkeiten wie „Things Left Unsaid“, das entschieden nach Wellness-Beschallung klingt. Kurzum es fehlt, was früher die hohe Kunst von Pink Floyd war: ein Bogen, der die einzelnen Teile schlüssig zusammenführt. Aber: Das ist Nörgeln auf hohem Niveau. Letztlich hört man die CD dann doch gern. Und sei es um der alten Zeiten willen.

Zoran Gojic

Pink Floyd:

„The Endless River“

(Warner).

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