Pinneberg gegen Goliath

- Mit seinem Roman "Kleiner Mann - was nun?", einer Schilderung des Arbeitermilieus in Zeiten der Weltwirtschaftskrise, brachte es Hans Fallada 1932 zu Weltruhm. In der Bühnenfassung vom Regisseur Gil Mehmert (39), der in München zuletzt an der Schauburg inszenierte, hat "Kleiner Mann - was nun?" heute Abend um 19.30 Uhr am Münchner Volkstheater Premiere. In den Hauptrollen Brigitte Hobmeier und Leopold Hornung als Lämmchen und Pinneberg.

<P>Sie haben schon mal einen "Kleinen Mann" inszeniert, einen amerikanischen: in Arthur Millers "Blick von der Brücke".</P><P>Mehmert: Stimmt. Ich inszeniere überhaupt gern "kleine Männer".<BR><BR>Was reizt Sie an ihnen?<BR><BR>Mehmert: Ich hab' eine Affinität zu Außenseiterfiguren, die sich durchschlagen müssen. Einen Held, der alles bewältigt, findet man ja eher im Action-Genre. Dagegen der gebrochene, der Anti-Held, der kleine Mann - diese David-gegen-Goliath-Kämpfe haben einfach meine Sympathie. Solche sympathischen Looser-Figuren, am liebsten noch mit 'ner leicht intellektuellen Note, davon bin ich schon gerne auch Anwalt.<BR><BR>Figuren, auf der Suche nach Heimat und Arbeit?<BR><BR>Mehmert: Ja, es sind Figuren, die sich in einem urbanen Umfeld bewegen und versuchen, dort ihren Weg zu machen. Nun ist die Figur des Pinneberg auf dem Papier die langweiligste, weil sie einfach nur ihre Ruhe haben will. Das Schöne und Interessante an dem Buch ist, dass es in seiner einfachen, parabelhaften Erzählung so furchtbar zeitlos ist, dass sich an diesen Grundstrukturen so viel nicht verändert hat.<BR><BR>Was war Ihnen bei der Bearbeitung des umfangreichen Romans wichtig?<BR><BR>Mehmert: Den Stoff nahe am Roman zu erzählen. Die Revue-Form, zu der Peter Zadek und Tankred Dorst gegriffen haben, um diese Banalität theatralisch schmackhafter zu machen, war mir am Anfang auch sehr sympathisch. Dann hab' ich aber gemerkt, dass mich dieses Vierte-Wand-Durchbrechen im Moment nicht so interessiert. Durch meine Art der Erzählweise, also sehr filmisch-musikalisch, gelingt es mir, viel Stoff in kurzer Zeit unterzubringen. Ich habe versucht, den Fokus auf die Alltagsproblematik zu setzen, wie da im Privaten und ganz Alltäglichen der arme Mann unter die Räder kommt. Neun Schauspieler und drei Musiker erzählen etwas zusammen, in einem utopisch zeitlosen Einheitsraum.<BR><BR>Viele Szenen, viele Ortswechsel und Details - ein sehr aufwändiges Stück?<BR><BR>Mehmert: Das ist die Aufgabe: Wie kann man diesen Aufwand schlank und dynamisch gestalten? - Ich versuche ja gerne, den Alltag des Zuschauers zum Verbündeten zu machen. Keiner ist frei davon, selber dieses Kleine-Mann-Feeling zu kennen, aus der Bank oder im beruflichen Umfeld. Pinneberg will nicht mal gegen Goliath kämpfen, die Schleuder geht ihm aus Versehen los. Das ist es auch, was ihn zum Anti-Helden macht: ein Mitfühlen mit seiner Ungeschicklichkeit.<BR><BR>Im Gespräch mit dem Schauspieler gerät Pinneberg zwischen Fantasie und Realität.<BR><BR>Mehmert: Das ist ja gar nicht nur seine Fantasie, das ist ja wahr! Diese Enttäuschung kennt, glaube ich, jeder: Man hat einen Künstler, den man als den eigenen Anwalt sieht, weil er irgendetwas gespielt hat. - Das ist mit die schönste Geschichte in diesem Stück.<BR><BR>"Keep smiling!" - die Zauberformel für das Glück?<BR><BR>Mehmert: Ich glaube, dass man das Leben nur aushält mit einer großen Selbstironie. Also einer anderen Art von "Keep smiling!", und das ist etwas, was Pinneberg fehlt - es ist so typisch deutsch, sich das Leben schwer zu machen. Das hat Lämmchen aber durchaus: Wo man am Anfang so'n niedliches Mädchen hat, zeigt sie dann immer mehr Rückgrat. So ein typisches Phänomen, wenn es mit der Gesellschaft bergab geht: Der Mann wird ja rundum impotent durch den sozialen Abstieg. Das Lämmchen schafft es, eine bestimmte Würde zu erhalten. Im Grunde erzählt das Stück viel mehr über den Wert von Frauen. Sie hält bis zum Schluss zu ihm.<BR><BR>Der Vergleich Lämmchens mit Aschenputtel, die Traumsequenz am Schluss - ein modernes Märchen?<BR><BR>Mehmert: Ich glaube, das Ende ist so, wie wenn man sich am Schluss dann doch betrinkt, um es irgendwie auszuhalten. Es ist das große Fragezeichen, aus dem man nicht herauskommt.</P><P>Das Gespräch führte Teresa Grenzmann<BR><BR></P>

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