Interview zur Premiere im Residenztheater

„Pinter ist ein Hundsfott an Genauigkeit“

München - Andrea Breth spricht im Merkur-Interview über ihre Inszenierung des Dramas „Der Hausmeister“ in München und die Lage an der Wiener Burg.

Andrea Breth, 1952 bei Füssen geboren, gehört zu den wichtigsten Regisseurinnen des deutschsprachigen Raums. Ihre Inszenierungen sind allseits begehrt, vor allem Wien und Berlin gibt sie die Ehre. München darf jetzt neugierig sein auf ihre Gestaltung von Harold Pinters Drama „Der Hausmeister“. Premiere ist am 2. April im Residenztheater. Hans-Michael Rehberg – nach langer, langer Zeit wieder am Staatsschauspiel –, Norman Hacker und Shenja Lacher stehen auf der Bühne.

In der Ära von Dieter Dorn hätte es nur beinahe eine Inszenierung von Ihnen am Resi gegeben; jetzt klappt es unter Martin Kušej endlich.

Ja, er hat mich gefragt.

Wollten Sie dieses Pinter-Stück, oder war es ein Vorschlag des Theaters?

Der Vorschlag kam von mir, und er wurde hier am Haus wohlwollend aufgenommen – und weil wir alle davon überzeugt sind, dass „Der Hausmeister“ ein wunderbares Stück ist, das man sehr gut besetzen kann.

Warum Pinter, warum dieses Stück?

(Lacht.) Immer diese Frage! Erstens ist Pinter ein hervorragender Theaterautor; nicht umsonst ist er Nobelpreisträger, das sollte man in Erinnerung rufen. Das Stück, finde ich, ist zu Unrecht von den Spielplänen verschwunden. Es ist von einer so fabelhaften Konstruktion, wie es sie bei wenigen Stücken gibt, von einer Musikalität, nahezu wie eine Komposition. Die Geschichte ist letztlich simpel, würde Pinter selber sagen: Es handelt sich um drei Männer, einen alten Mann und zwei Brüder – Ende der Durchsage. Was im Einzelnen passiert, bin ich nicht gewillt zu erzählen, denn die Leute sollen es sich ja anschauen. Interessant ist an dem Stück diese ständige diffuse Angst. Ich denke, die Menschen heute haben sie genauso. Man kann die Angst nicht wirklich festmachen: die Frage nach dem Geld? Wie geht’s weiter mit der Welt? Alles wird verstrickter, merkwürdiger, manches kann man gar nicht verstehen. Dann das Kontrolliertwerden, die Xenophobie (Angst vor Fremden; Anm. d. Red.).

Das kommt stark im Stück raus.

Ja, das wird manche verstören – aber das ist ja nicht meine Privatmeinung. Das Stück erschien 1960. Damals gab es in Großbritannien schubweise viele Immigranten, wodurch immense Ängste aufgekommen sind. Man kann nicht leugnen, dass das hier in diesem Land auch so ist. Ich will das nicht einfach brandmarken, denn das ist ein Fakt. Um diesen Fakt muss sich die Politik kümmern, schließlich hat alles seine Gründe.

Was hat Sie als Frau an diesem Drei-Männer-Kammerspiel gereizt?

Als Frau? Ich überleg’ das gar nicht. Ich konzentriere mich darauf, was Pinter geschrieben hat.

Dennoch: Es ist ein reines Männer-Stück. In der Erzählung taucht lediglich schemenhaft die Mutter der Brüder auf.

Von der man nur eine Sache sicher weiß: dass sie die Papiere unterschrieben hat, die erlauben, dass ihr Sohn Aston Elektroschocks bekommt. Es werden überhaupt nie eindeutige Biografien erzählt. Das macht den Sog aus, dass man nie weiß, was stimmt, wer lügt, wer dem anderen etwas vormacht, warum der eine den anderen verbal in einer Art und Weise foltert, dass einem ganz schwummrig wird.

Diese Typen sind nicht nur nervige Chaoten, sie sind alle drei innerlich Versehrte.

Aston hilft allerdings anderen. Ja, es sind nicht unbedingt Menschen, die man sich gern zum Tee einladen würde. Davies, der Hausmeister, hat ein schweres Identitätsproblem, und das ist heute sehr aktuell. Manchmal geht bei seiner Persönlichkeit der Reißverschluss etwas auf, und man spürt seine Ur-Panik. Man muss als Zuschauer spüren, dass ihn etwas bedroht.

Wollten Sie Hans-Michael Rehberg?

Herr Rehberg ist ein sehr guter Schauspieler. Wir kennen uns lange, wir haben in Wien schon viel zusammen gearbeitet. Es ist gut, wenn man sich kennt, denn dann muss keiner dem anderen was beweisen. Ich wüsste im Moment keinen besseren Davies als Herrn Rehberg. Bei dem Stück ist es notwendig, dass man einen Schauspieler hat, der in der Lage ist, diese komplizierte Figur zu spielen. Der Künstler muss schon ziemlich die Orgelregister ziehen können: Es gibt viele Schattierungen, und man muss die Figur im Kern verstehen.

Wenn man als außenstehender Regisseur in ein Ensemble kommt und auch noch einen Gast, hier Hans-Michael Rehberg integrieren muss, wie packt man das an?

Es ist nur dann kompliziert, wenn man auf Gästen besteht und dadurch Ensemblemitgliedern eine Rolle wegnimmt. Das finde ich selber auch nicht begrüßenswert. Ich verstehe jeden Intendanten, der sagt, dass er das nicht wünscht. Das ist ja das Normale. Hier bei dieser Stückauswahl gab es niemanden, dem man hätte auf die Füße treten können. Da Martin Kušej Rehberg haben wollte, hat sich das gefügt. Norman Hacker kenne ich von einer Arbeit für die Ruhrtriennale, und Shenja Lacher habe ich hier kennengelernt.

Viele Schauspieler sehnen sich danach, mit Ihnen zu arbeiten. Ist das eine Belastung für Sie, oder genießen Sie diese gmahde Wiesn?

Eine schwierige Frage, weil sie mich nicht beschäftigt. Mich beschäftigt, ob wir, also die Schauspieler und ich, die Messlatte des Stücks erreichen. Das ist die Sache, und um die geht es. Natürlich ist es schön, wenn man so viel wie möglich aus den Schauspielern rausholt. Mir geht es darum, dass die Schauspieler wunderbar sind. Sie machen den Abend; ich will im Hintergrund bleiben. Das Publikum kommt wegen der Schauspieler ins Theater und soll sich an deren Könnerschaft erquicken.

Da ist die Inszenierungsleistung schon arg kleingeredet.

Na ja, aber das andere ist die Hauptsache. Natürlich muss man eine gute Besetzung haben. Dann muss man es hinbekommen – aber das riecht man –, ob die Schauspieler miteinander arbeiten können, sich gegenseitig auf der Bühne animieren.

Wie helfen Sie den Schauspielern, Pinters surrealen Schwebezustand zu realisieren?

Merkwürdigerweise bekommt das während der Arbeit auf der Bühne eine eigene Logik. Man kann sehr viel ranschaffen an der Art und Weise, wie die Rollen gespielt werden. Das in der Schwebe zu halten? Ja, da muss man ein bisschen zurüsten.

Was heißt das?

Was ist für ein Licht? Wie klingt was? Atmosphäre schaffen! Man kann nicht erklären, wie das funktioniert. Das kann man, oder man kann’s nicht. Außerdem muss man die Musikalität bei Pinter absolut ernstnehmen – über die Pausen darf man nicht weghopsen. Das ist das Genialische an Pinter, (schmunzelt) er ist wirklich ein Hundsfott an Genauigkeit. Man spürt, dass er sehr viel vom Theater wusste und mit Sicherheit ein guter Schauspieler war. Ein Phänomen. Eine praktische Sache: Davies ist für einen älteren Schauspieler geschrieben, und der hat unendlich viel zu sagen. Irgendwann geht daher der Zuckerspiegel runter, das wusste Pinter. Und präzise zu dem Moment kriegt die Figur ein Sandwich – kein Witz. Klar ist das nicht der einzige Grund – wie’s immer zwei Schienen gibt.

Sie arbeiten viel am Burgtheater, das jetzt in einer großen Krise steckt. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Ich sehe Licht am Horizont durch die Ernennung von Karin Bergmann, von der ich unendlich viel halte. Jetzt kommt, was sein muss: Ruhe. Die eigentliche Arbeit hat durch die Tumulte Schaden genommen. Die Schauspieler sind ja involviert in diese merkwürdigen Vorgänge. Das Ensemble hat die Entscheidung für Karin Bergmann mit großer Freude aufgenommen. Sie sollte man künstlerisch nicht unterschätzen, sie hat durchaus Ideen. Sie will nicht nur Vollzugsorgan sein.

Eine Frau muss den Karren aus dem Dreck ziehen.

Ich wünsche ihnen allen, dass das gelingt und dass sie wieder hoffnungsfroh sind. Die Ereignisse haben großen Schaden angerichtet – nicht nur im Burgtheater, sondern bei den Theatern allgemein.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

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